Angst? Kennen die Italiener nicht

Das Spiel am Samstag? „Wenn du es nur erwähnst, kriege ich schon eine Gänsehaut“, sagt Kelin Mesinoli. Und er übertreibt nicht. Die blonden Haare auf dem Unterarm des 20-Jährigen stehen tatsächlich etwas in die Höhe. „Gegen Spanien waren wir schon sehr stark“, sagt er. „Aber gegen Deutschland müssen wir noch mal zulegen.“ Kelin ist Friseur in einem kleinen Laden in Trastevere, dem Künstlerviertel Roms. Wie viele Italiener geht er selbstbewusst in das Viertelfinale gegen Deutschland am Samstag. Aber auch mit viel Respekt. „Wenn wir nicht von Anfang an 100 Prozent geben und voll da sind, ist es schnell vorbei für uns.“

Noch am Sonntag beim Achtelfinale der Deutschen gegen die Slowakei fieberten die meisten mit dem jetzigen Gegner mit. In der kleinen Birreria unten am Tiber wurde jedes Tor des 3:0 frenetisch gefeiert – auch von den Italienern. „Ah, grande Germania“, hieß es da bei vielen Spielzügen beeindruckt. „Fußballspielen, das können sie einfach.“

Auch wenn die Begeisterung der Römer für diese Europameisterschaft in der Vorrunde noch etwas verhalten war, spätestens seit dem grandiosen Achtelfinalsieg gegen den amtierenden Europameister Spanien sind sie wieder Feuer und Flamme für ihre Azzuri. Und trotz allem Respekt für die spielerische Leistung und die Taktik der Deutschen: Der Glaube, den Weltmeister wie in allen Spielen großer Turniere auch dieses Mal schlagen zu können, ist ungebrochen.

Selbst der Direktor der Uffizien in Florenz, der Deutsche Eike Schmidt, fiebert mit den Azzuri. „Am Samstag bin ich mit ganzem Herzen Fan Italiens“, sagt der 50-Jährige Freiburger. „Dieses Land ist Kunst pur – auch im Fußball.“

Etwas robuster äußert sich da Giovanni Trapattoni. Der Ex-Nationaltrainer, der auch schon in München und beim VfB Stuttgart Station gemacht hat, erklärt in einem Interview mit dem Corriere della Sera, warum es den Deutschen so weh tut, immer gegen Italien zu verlieren. „Die Deutschen haben diese Mentalität, dass sie alles dominieren, wie auch Angela Merkel – Und dann kommen wir, mit unserer Kreativität und unserem Genie, das lässt sie leiden.“ Die Spieler seien sich bewusst, welche Möglichkeit sich ihnen gerade bietet. „Und sie haben verstanden: Dieses Spiel am Samstag, auf sportlicher Ebene natürlich, wird eine Partie auf Leben und Tod.“

Laura Garavini tippt auf einen spannenden Ausgang. „6:5 nach Elfmeterschießen“, sagt die Abgeordnete des Partito Democratico. Garavini ist Vorsitzende der deutsch-italienischen Parlamentariergruppe im italienischen Parlament. Ihr Mann ist Deutscher und ihre Tochter hat die doppelte Staatsbürgerschaft. „Aber beide sind wenn es um Fußball geht Fans von Italien“, sagt Garavini. Auch ihr Herz schlage für die Azzuri. „Ich habe schon ein schlechtes Gewissen, dass keiner von uns für Deutschland ist“, sagt die 49-Jährige.

Und die Euphorie ist durchaus berechtigt. Vor dem Turnier hieß es über die Mannschaft oft: Zu alt, zu defensiv. Aber die Spieler haben gezeigt, was tatsächlich in ihnen steckt: Erfahrung, Klasse und mentale Stärke. Nationaltrainer Antonio Conte habe das Team stärker gemacht, heißt es heute von vielen Kommentatoren. Conte habe verstanden: eine gute Defensive ist Gold wert, aber nur mit einem starken Riegel gewinnt man kein Turnier.

Ein Problem gibt es allerdings, wie Premierminister Matteo Renzi erklärt: „Immer wenn es zeitgleich ein Gipfeltreffen der Politiker gab, hat Italien gewonnen.“ Er frage sich nun, wie man es hinkriegte, noch schnell für Samstagabend ein Treffen zu arrangieren. Merkel habe bereits angedeutet, sie habe kein Interesse.

 

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