Zeit ist relativ…

Ich war nie wirklich philosophisch. Doch mit der Zeit kommt man hier ins Grübeln. Und zwar genau über selbige: Die Zeit. Schon bei meinem ersten Besuch hier im Dezember letzten Jahres fiel es mir auf: Hier gehen die Uhren irgendwie anders. Wortwörtlich gesprochen. An fast jeder Straßenkreuzung in Rom stehen haufenweise Uhren. Quasi an jeder Straßenecke eine. Das ist hilfreich, könnte man meinen, und ja: die Römer sind auch wirklich sehr pünktliche Menschen – sogar noch pünktlicher als die Deutschen, deren einstige Vorzeige-Tungend in den vergangenen Jahren durch die Möglichkeit der schnellen „Ich verspäte mich um XX Minuten“-Nachricht via Smartphone doch manchmal zu wünschen übrig und selbst Menschen mit Anfang 30 nostalgisch werden lässt.

Oh, ich schweife ab – zurück zu den römischen Uhren. Hilfreich wären diese tatsächlich, allerdings nur, wenn sie auch die richtige Zeit anzeigen würden. Fakt ist: An einer Kreuzung mit fünf Uhren werden mit Sicherheit sechs unterschiedliche Uhrzeiten verkündet. Jemanden, der vor einiger Zeit das Tragen einer Armbanduhr ad acta gelegt hat, kann das bisweilen verwirren. Schätzend nähert man sich also dem möglicherweise richtigen der zahlreichen Zeitmesser – wobei es keine Garantie gibt, dass überhaupt einer von ihnen die Realität widerspiegelt.

Trotz der Pünktlichkeit der Bewohner, was Termine angeht: Die Schwebe im Hier, Jetzt oder doch Später passt irgendwie zu Rom. Heute morgen beispielsweise zog ich los zu einem Termin an der Uni, die sich am anderen Ende der Stadt befindet als meine Wohnung. Ein kurzer Blick in die App des öffentlichen Nahverkehrs kalkulierte den Weg mit 60 Minuten ein. Ich plante mal wenig großzügig mit eineinhalb Stunden. Und kam auf die Minute pünktlich etwas gehetzt dort an.

Es ist also unvermeidlich. Das Grübeln. Existenzielle Fragen drängen sich förmlich auf: Wo sind sie nur geblieben, diese drei Busse, die zwar auf dem Plan stehen, auch in der Echtzeit-App immer näher rücken – aber doch nie erscheinen? Sind sie im Raum-Zeit-Kontinuum dieser Stadt verschollen? Richtet sich der eine Busfahrer nach der rechten Uhr auf der einen Kreuzung, der andere wählt die Linke auf der anderen? Wo sitzen die Macher dieser App und was zeigt die Uhr, die vor ihrem Büro steht? Nach welcher soll ich mich richten?

Antworten habe ich noch keine. Bisher war ich – bereits typisch-römisch – immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Eins ist zumindest klar: An Zeit mangelt es in dieser Stadt nicht.

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