Dantes Inferno in der Bergidylle

Die Bilder hängen noch an der Wand. Dicht nebeneinander. Alte Landschaftsgemälde in dicken braunen Holzrahmen. Ein Stockwerk darüber steht ein rotes Sofa aus Samt. Der bunte Teppich hängt aus dem Loch heraus, das das Erdbeben in dieser Nacht in das Haus in Amatrice gerissen hat. Zwei Häuser weiter steht kein Stein mehr auf dem anderen.

„Man schläft. Und plötzlich ist man tot.“ So beschreibt Pasqualino Bernardini die Nacht, die er und seine Familie gerade erlebt haben. Um 3.36 Uhr ging es los. Das Erdbeben, das mindestens die Stärke 6,0 hatte, hat diesen kleinen 2600-Einwohner-Ort in der mittelitalienischen Provinz Perugia in Schutt und Asche gelegt. Das Epizentrum des Bebens befand sich an der Grenze der Regionen Latium, Marken und Umbrien – etwa 100 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Rom, wo der Boden ebenfalls wackelte. Allein aus Amatrice werden bis zum Nachmittag 35 Tote gemeldet, insgesamt spricht der Leiter des Zivilschutzes von mindestens 73 Todesopfern, Hunderten Verletzten und zahlreichen Vermissten. Rund 2000 Menschen haben ihre Häuser verloren.Die schwersten Schäden soll es in Amatrice, in Accumoli und in Pescara del Tronto geben, doch noch haben die Behörden keinen vollständigen Überblick. Einige Dörfer sind wegen der Zerstörungen von der Außenwelt abgeschnitten. Im Dörfchen Illica beschreibt ein Besucher aus Rom die Szenerie so: „Wir traten hinaus auf die Piazza, und es sah aus wie in Dantes ‚Inferno‘.“
An der letzten Tankstelle an der Autobahn, die von Rom in die Berge nach Amatrice führt, stehen Stefano und seine Kollegen vom Zivilschutz. Sie kaufen noch Wasser, ein paar Brötchen und Espresso als Verpflegung, die drei Suchhunde im Wagen haben sie bereits versorgt. Wie weit es noch sei, fragen sie den Tankwart. 40 Kilometer. Die kurvige Bergstraße führt durch L’Aquila durch, über intakte Brücken, an weiteren kleinen Orten vorbei. Es sieht auf den ersten Blick so aus, als wäre nichts geschehen. Die Bewohner hängen Wäsche auf ihren Balkonen auf. Viele stehen aber auch am Straßenrand, diskutieren, können es nicht fassen. Entsetzt schauen sie den Einsatzwagen nach, die sich in Richtung Amatrice die Straße hochschlängeln, den Krankenwagen, die im Minutentakt mit Blaulicht die Straße herunterkommen, und den Autofahrern, die in ihren verstaubten Fahrzeugen mit zerstörten Windschutzscheiben sitzen und das nur wenige Kilometer entfernte Amatrice so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen. Ein Mann hisst die italienische Flagge vor seinem Haus. Es steht noch.

In Amatrice ist das Zentrum verwüstet, ganze Palazzi sind dem Erdboden gleich. In den Straßen liegen Steine und Metall. Staub hängt in der Luft, es riecht nach Gas. Viele Einwohner suchen auf den Plätzen des Orts Zuflucht vor den Nachbeben.
Pasqualino Bernardini sitzt mit seinem Sohn Filippo in dem kleinen Park am Ende der Hauptstraße von Amatrice. Der 11-Jährige nagt an einem Keks mit Schokoladenüberzug. Sein Vater starrt zunächst stumm auf den Boden. Sein orangefarbenes T-Shirt ist matt vom Staub, wie auch die Jeans und die schwarzen Schuhe. „Seinen Großvater haben wir vorhin gefunden“, sagt Pasqualino Bernardini leise. Er scheint jedes Wort abzuwägen. Sie seien in der Nacht sofort aus dem Haus gelaufen, erzählt er – bis auf seine Mutter. „Sie kann sich nicht mehr so gut bewegen, hat es nicht aus dem Haus geschafft“, sagt der 58-Jährige. „Was mit ihr jetzt ist – ich weiß es nicht. Sie ist noch dort“, sagt er und deutet nach rechts. Von dem Haus, das hier am Anfang des Corso Umberto I einst stand, ist nur noch der Schornstein zu erkennen. Der Rest ist ein staubiger Haufen aus Steinen und Hausrat.

Amatrice, der kleine Ort in den Bergen etwa 150 Kilometer von Rom entfernt, ist in Schockstarre. Die Menschen sitzen in einer Reihe auf dem Bordstein, warten darauf, dass ihre Verwandten, ihre Freunde und Nachbarn aus den Geröllbergen auftauchen. Nur wenige sprechen. Leise. Auch die Einsatzkräfte laufen still an ihnen vorbei in den Corso Umberto I. Sie tragen Schaufeln und Hacken über ihren Schultern, viele haben einen Mundschutz vor dem Gesicht. Am Morgen, als das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar wurde, haben die Helfer, darunter auch Priester, begonnen, nach Verschütteten zu suchen. Sie nutzen Schaufeln, Bulldozer und ihre bloßen Hände. Schon nach kurzer Zeit hinterlässt der Staub ein Kratzen im Hals und schnürt einem zusätzlich zu dem Anblick die Kehle zu. Nur die Hubschrauber, die im Minutentakt auf dem improvisierten Haltepunkt landen, dröhnen.

Auch das Militär ist zum Hilfseinsatz mobilisiert worden. „Keine Familie, keine Stadt, kein Weiler wird alleinegelassen“, verspricht Italiens Regierungschef Matteo Renzi, der eine für Donnerstag geplante Reise nach Paris abgesagt hat und noch am Mittwoch ins Katastrophengebiet reisen will. Auch Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagt Hilfe zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte in einem Kondolenztelegramm an Renzi ihr Mitgefühl aus. „Die Bilder der Verwüstungen sind schockierend“, schreibt sie.

Papst Franziskus hat für die Opfer gebetet und ihnen die Zuwendung der ganzen Kirche zugesagt. Er schließe „alle Menschen ein, die ihre Angehörigen verloren haben, und jene, die noch unter dem Schock des Bebens und seiner Schrecken leiden“, sagt Franziskus bei seiner Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom. Er empfinde „großen Schmerz“ und danke „allen Freiwilligen und den zivilen Hilfskräften, die diesen Menschen gerade helfen“.

In den Straßen stapfen die Helfer und ihre Hunde vorsichtig über die Berge von Schutt. Langsam graben sie sich voran. Antonio sitzt auf einem kleinen Steinhügel am Straßenrand. Der 47-Jährige arbeitet beim Roten Kreuz. „Wir kommen aus Rom, sind dort heute morgen um 5 losgefahren“, erzählt er erschöpft, während er langsam einen Schluck Wasser trinkt. „Wir haben gleich verstanden, dass das was Heftiges ist. Wir haben es ja bei uns in Rom sogar gespürt.“ 150 Helfer seien allein vom Roten Kreuz in Amatrice.
Aus dem nur wenig entfernten L’Aquila sind sogar Hunderte Freiwillige gekommen – sie wissen, was die Bewohner gerade durchleiden. 2009 hatte es ihre Stadt getroffen, auch in der Nacht – nur vier Minuten früher, um 3.32 Uhr. Mehr als 300 Menschen starben damals.
Antonio steht auf – er muss weiter. Wie viele Menschen noch vermisst werden, weiß er nicht. Es ist Ferienzeit, viele versuchen im August, der Hitze in Rom zu entkommen, und machen gerne im jetzt betroffenen Gebiet Urlaub. Gerade haben Antonio und ein paar Männer eine Frau aus den Trümmern gerettet. Sie lebt. Antonio hofft darauf, dass viele andere genauso viel Glück haben wie diese Frau.

Doch die Realität ist grausam. „Die Mama von Sabina, sie ist tot“, sagt ein Mann ruhig in sein Handy. Die Männer, die um ihn herumstehen, schweigen. „Was mit den anderen ist, weiß ich nicht“, fügt der Mann hinzu. Er wartet am Eingang der Hauptstraße von Amatrice. Diese Straße hat es am schlimmsten getroffen, sie ist komplett zerstört. Von manchen Häusern stehen nur noch Fragmente. Helfer verteilen Wasser und Croissants, die sie aus dem zerstörten Supermarkt geholt haben.

Plötzlich wird eine Frau auf einer Bahre aus den Trümmern getragen. Zugedeckt. „Non sappiamo, non sappiamo – Wir wissen es nicht“, ruft der Mann, der vorne rechts an der Trage läuft, den wartenden Männern in Uniform zu. Ob er den Namen der Frau meint? Oder weiß er einfach nicht, ob sie noch am Leben ist? Non sappiamo.

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