Die Verzweiflung ist still

Der Wecker klingelt, die übliche Routine noch im Halbschlaf: Fernseher an, Nachrichten, ist was passiert? Plötzlich bin ich wach. Ganz schnell. Und es kommt wieder ins Bewusstsein: Das Beben letzte Nacht. Gegen halb vier hat das Bett gewackelt, die Kleiderbügel im Schrank und die hölzernen Fensterläden haben nervös geklappert. Nach Sekunden war es wieder ruhig. In Rom. Der Schlaf kam wieder.

Nicht für die Menschen in Amatrice und den anderen Orten rund um das Epizentrum des Erdbebens von Dienstagnacht. Nur 150 Kilometer von Rom entfernt. Ein kurzer Anruf in der Redaktion in Stuttgart und ich mache mich auf den Weg. Ist ja schließlich mein Job hier in Italien. Als ich losfahre ist die Rede von zehn Toten.

150 Kilometer sind lang, sie bieten viel Zeit zum Nachdenken, während der Nachrichtensender im Radio die Neuigkeiten aus dem Katastrophengebiet verbreitet. Werde ich überhaupt bis in den Ort kommen? Wie sind die Straßen? Ich habe extra noch Bargeld geholt. Wofür, weiß ich nicht. An der letzten Tankstelle vor der Autobahnausfahrt L’Aquila Ovest tanke ich auch vorsichtshalber noch einmal, obwohl das Benzin noch locker reichen würde.

Mit jedem Kilometer, den ich mich dem Gebiet nähere steigt meine Nervosität. Es ist ein zweischneidiges Schwert, über so etwas zu berichten: Einerseits ist genau das wichtig, damit die Welt erfährt, was passiert ist, wie es den Menschen geht, nicht nur um die Neugierde der Leser zu befriedigen, sondern vielleicht auch um das Bewusstsein für nötige Hilfe zu schärfen. Andererseits will man auf keinen Fall den Helfern im Weg herum stehen. Man will die Menschen, die gerade so viel Leid erfahren, die sichtlich noch unter Schock stehen, nicht mit seinen Fragen belästigen. Und zu guter Letzt: Das Fernsehen und die Medien filtern – unzumutbare Bilder werden nicht gezeigt. An diesem Tag bin ich selbst der Filter. Das macht am meisten Angst.

Überraschend gut, komme ich tatsächlich bis in den Ort Amatrice. Im Radio ist die Rede von 38 Toten. Das Auto stelle ich gleich am Ortseingang am Rand einer Wiese ab, wo es hoffentlich niemandem im Wege steht. Darf man hier parken? Eine Sekunde nachdem der Gedanke mein Hirn erreicht hat, wird mir schon seine Absurdität bewusst. Ich packe alles zusammen: Laptop, Handy, Notizblock – und laufe los.

Langsam. Ich laufe langsamer als sonst. Nähere mich nur sehr zögernd den Schutthaufen am Horizont. Der Weg dahin führt durch einen Korridor von Einsatzkräften durch den in einem langen Trott Helfer hinein und wieder herauskommen. Ich spreche kurz mit ein paar Helfern vom Roten Kreuz, die am Ortseingang Zelte aufbauen. Vergewissere mich quasi dessen, was ich schon weiß: Ja, es ist schlimm.

Am Anfang der Straße Corso Umberto I bin ich zunächst überwältigt von der Szenerie. Keine panischen Menschenmassen. Keine Verletzten, die mit schlimmen Wunden am Straßenrand liegen. Keine Schreie, kein lautes Weinen. Die Verzweiflung ist sehr still. Die Menschen sitzen in dem kleinen Park, auf dem Bordstein. Halten sich fest. Stumm. Wenn gesprochen wird, dann nur sehr leise und bedacht. Auch die Helfer sind überraschend still. Zum einen weil sie auf eventuelle Hilferufe aus den Trümmern hoffen. Zum anderen weil auch sie die Stille der Verzweiflung packt.

Ich laufe in eine der Nebenstraßen, klettere über einen Trümmerberg, verscheuche den Gendanken daran, was unter mir alles sein könnte. Der Wind weht Schuttteile aus dem halbzerstörten Haus neben mir. Ich trete schnell zur Seite. Eine Frau wird auf einer Bahre an mir vorbei aus der Trümmerstraße getragen. Viele Decken umhüllen sie – auch ihr Gesicht. Ist sie tot? Ich weiß es nicht. Ich mache von den einstigen Häusern ein paar Fotos mit meinem Handy, filme einige Sequenzen für ein Video für die Homepage. Dann kann ich es nicht länger vor mir herschieben.

Diese Menschen soll ich nun mit meinen Fragen nerven? Ich gehe in den Park und finde Pasqualino und seinen Sohn Filippo. Sie sitzen auf einem kleinen Mäuerchen eines Brunnens. Der Junge isst einen Keks, der Vater starrt stumm auf den Boden vor sich. Als ich ihn anspreche schaut er langsam hoch. Nickt nur, als ich erkläre wer ich bin und ob ich ihm ein paar Fragen stellen darf. Ich setze mich neben ihn. Beginne stotternd. Frage, wie er die Nacht erlebt hat. Was für eine bescheuerte Frage. Aber er nickt wieder und fängt an zu sprechen. Leise. Langsam. Erzählt, dass seine Mutter noch in den Trümmern sei, er nicht wisse, ob sie noch lebt. Sie sei dort – er deutet auf einen Trümmerhaufen, der einmal ein Haus gewesen ist. Seine Augen sind leer. Füllen sich nicht mit Tränen, wie die meinen. Ich schlucke sie schnell runter. Ich muss weiter. Es ist mein Job.

Eine Stunde später sitze ich mit meinem Laptop vor einer zerstörten Pizzeria. An den grünen Plastiktischen sitzen auch ein paar Angehörige. Auch sie sind still, starren ins Leere. Auch als es im Boden dunkel anfängt zu grummeln. Nur ein Mann springt auf, läuft ein paar Schritte von den Tischen und dem Haus weg. Bereit zu rennen, wenn es sein muss – nur wohin? Ich sitze nur da. Starre auf den Mann, kann mich kaum bewegen. Das Grummeln hört schnell wieder auf. Ich tippe weiter. Der Mann kehrt auch wieder an seinen Platz zurück. Einer seiner Bekannten reicht eine Tüte mit Keksen zu mir rüber: „Nimm, meine Liebe. Das hilft.“ Ich fische drei Kekse aus der Tüte und schreibe weiter. Der Mann hatte Recht: Es hilft.

Dennoch: Kaum bin ich mit meiner Arbeit fertig und habe mich vergewissert, dass die Mails, die ich via Handy-Hotspot verschickt habe auch angekommen sind, will ich nur eins. Weg hier. Die Erde grummelt schon wieder so verdächtig. Als ich ins Auto steige und auf die Straße biege, die mich wieder nach Rom bringen soll, sprechen sie im Radio von 76 Toten.

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