Besetzung eines Juwels

Sie ist eines der Schmuckstücke der ewigen Stadt – und soll auch so behandelt werden. So zumindest der hehre Wunsch vieler Römer, allen voran von Neu-Bürgermeisterin Virginia Raggi. Nach rund einem Jahr wurde die berühmte Spanische Treppe am Donnerstag feierlich wiedereröffnet – seit Freitag sind die 144 Stufen der Freitreppe, die von der Piazza Spagna zur Kirche Santa Trinità dei Monti hochführen, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Luxusunternehmen Bulgari, das in der auf die Treppe führenden Via Condotti seinen teuren Schmuck verkauft, hatte für die Restaurierung des Monuments 1,5 Millionen Euro spendiert. Damit das Juwel der Stadt wieder funkeln kann.

„Als ich eben gesehen habe, dass die Menschen hier wieder sitzen, dachte ich nur: Endlich!“, sagt Anita Buonasora. Die 28-Jährige kommt aus Bari, lebt aber seit einiger Zeit in Rom, wo sie an der Deutschen Schule als Grundschullehrerin arbeitet. Sie ist mit ihrer Freundin Angela hier, die aus Deutschland zu Besuch ist. Auf der Treppe haben sie ein Mutter-Tochter-Gespann – ebenfalls aus Deutschland – kennengelernt, mit dem die zwei jungen Frauen nun fröhlich plaudern. Die Treppe ist wieder zu einem Treffpunkt geworden. Buonasora freut sich aber auch darüber, dass das Monument nun sauber ist. „Früher war hier alles voll mit Pizzakartons und Flaschen“, erzählt sie. Das soll nun Geschichte sein.

Viele in Rom befürchten aber, dass das „blendendes Weiß“, von dem Bürgermeisterin Raggi bei der Wiedereröffnung schwärmte, nicht lange strahlen wird. Die Treppe ist wohl der bekannteste Treffpunkt in der historischen Innenstadt Roms – allerdings tummeln sich hier hauptsächlich Touristen. Die ließen sich hier vor der Restaurierung gerne zum Essen, Trinken oder auch Schlafen nieder. Manch exzessiver Rausch hat da so manch hässliche Spur hinterlassen. Deshalb ist Essen und Trinken nun auf der Treppe verboten. „Ich hoffe, dass es nun so sauber bleibt“, sagt Anita Buonasora. Allerdings weiß auch sie, wo das Problem liegt. „Die Römer nutzen die Treppe eigentlich nicht. Ich komme auch nur her, wenn ich Besuch habe.“ Und die Touristen wissen nichts von den neuen Treppen-Regeln, oder manchen fehlt auch schlich das Verständnis dafür.

Bürgermeisterin Raggi setzt auf Vernunft: „Wir müssen alle für dieses Juwel verantwortlich sein, denn es ist unsere Stadt. Wenn wir die ersten sind, die darauf achten, es nicht verdrecken und es hegen, dann werden es die anderen auch so machen.“ Die anderen, die Touristen, haben aber die heftige Diskussion darüber, wie der neue Glanz der Treppe am ehesten erhalten bleibt, nicht mitbekommen. Sie freuen sich nur, endlich auch einmal auf der berühmten Treppe des Architekten Francesco De Sanctis aus dem 18. Jahrhundert sitzen und rasten zu können. Viele steuern die Treppe schon mit einem triefenden Eis in der Hand an.

Die sechs Ordnungshüter, die an diesem Freitagabend für die Einhaltung der neuen Regeln sorgen sollen, haben alle Hände voll zu tun. „Wir müssten viel mehr sein“, sagt Stefano. Er will seinen Nachnamen nicht nennen, denn mit Journalisten darf er eigentlich nicht reden. Er erzählt dennoch, wie er vor wenigen Minuten eine Frau gebeten hat, ihr Schokoladeneis nicht auf der Treppe sondern unten auf der Piazza zu essen. Oder wie er alle fünf Minuten die Menschen ermahnen muss, nicht ihre Zigaretten auf den weißen Stufen auszudrücken. „Manche sind wie die Kinder“, sagt der 58-Jährige etwas genervt. Viele hätten kein Verständnis, weil sie die Treppe mitsamt essender und trinkender Menschen aus Filmen oder von Bildern her kennen. „Die Touristen wissen es nicht besser. Aber das sind nun einmal die neuen Regeln hier.“

Von dem Vorschlag, die Treppe zumindest nachts zu schließen und ein Gitter davor anzubringen, hält Stefano allerdings nichts. „Die Treppe war schon immer offen – und das soll auch so bleiben.“ Gianni Battistoni, Chef des gleichnamigen Herrenbekleidungsgeschäfts auf der Via Condotti, hatte eine solche Sperre gefordert, damit die Treppe zumindest nachts vor Vandalismus und Dreck geschützt ist. „Wir fangen wieder am Anfang an“, hatte er der Zeitung „Corriere della Sera“ gesagt. „Es ist sofort wieder dasselbe unwürdige Spektakel, wie vor der Restaurierung.“

Auch die Vorsteherin des Stadtteils Municipio I, Sabrina Alfonsi, sorgt sich um den neuen Glanz. Sie habe bereits an Bürgermeisterin Raggi geschrieben und darum gebeten, dass die Ordner 24 Stunden an der Treppe eingesetzt werden. In einem Antrag bittet der Municipio I die Stadt außerdem, zu verbieten, sich überhaupt auf die Stufen zu setzen. Und fordert eine Strafe von 100 Euro, für diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten. Darüber muss aber erst noch entschieden werden.

Dass das Hinsetzen verboten wird, hält Anita Buonasora für übertrieben. „Ich habe keine Angst, dass die Treppe wieder so schmutzig wird“, sagt sie. Die Leute hätten schließlich Respekt. „Leider nicht vor dem großartigen Monument – aber immerhin vor den Ordnern, die hier nach dem Rechten sehen.“

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