Der Che Guevara der Uffizien

Die meisten Besucher kommen wegen Botticellis „Geburt der Venus“. Sie ist quasi
die „Mona Lisa“ der Uffizien. Zusammen mit dem „Frühling“, ebenfalls von Sandro Botticelli, zählt sie zu den beliebtesten Werken der Sammlung in Florenz. Doch Eike Schmidt steuert ein anderes Exponat an.

Freundlich grüßen er und die Museumsaufseher sich, als er durch die hohen prunkvollen Gänge in Richtung Michelangelo-Saal läuft. Es ist das rote Zimmer, in dem Schmidt stehen bleibt – vor einem runden Gemälde, dem Tondo Doni, dem Bild der Heiligen Familie, von Michelangelo Buonarotti. Der Rahmen ist noch immer das Original, das Michelangelo um 1500 ausgewählt hat. „Das Bild entstand zwei Jahre bevor Michelangelo begann, die Sixtinische Kapelle auszumalen“, erklärt Eike Schmidt und seine hellen Augen
leuchten. „Ein epochales Werk“, sagt er. Auf diesem einen Quadratmeter seien schon alle Neuerungen vorhanden, die später in der Kapelle so berühmt wurden.

Mit Eike Schmidt leitet seit August vergangenen Jahres zum ersten Mal ein Ausländer
die Uffizien in Florenz, die wichtigste Sammlung der italienischen Renaissance. Der 1968 in Freiburg geborene Kunsthistoriker hatte zuvor in den USA unter anderem an der National Gallery of Art in Washington, am Getty Museum in Los Angeles und am Minneapolis Institute of Arts gearbeitet.

Wäre Schmidt nicht schnurstracks darauf losgegangen, dem kunsthistorisch nicht vorbelasteten Museumsbesucher wäre die Bedeutung von Michelangelos Tondo Doni entgangen. Eher unscheinbar hängt es in der Mitte anderer, größerer, aber deshalb nicht bedeutenderer Werke in dem Raum mit den leuchtend roten Wänden. „Das Einzige, was darauf hindeutet, dass hier etwas Besonderes hängt, ist vielleicht die Glasscheibe, die vor
dem Bild angebracht ist“, sagt Schmidt sichtlich unzufrieden. Ist die Renovierung der drei Botticelli-Säle abgeschlossen – sie sollen im Oktober wieder geöffnet werden – , will er sich diesem Zimmer widmen. „Man muss mehr Raum um dieses Werk schaffen“, sagt er.

Dass die meisten Menschen wegen anderer, bekannterer Bilder in sein Museum kommen, stört Schmidt nicht: „Jeder, der hier Schlange steht, hat ein angenehmes Erlebnis im Museum verdient.“ Eines könne er allerdings nicht verstehen: Wenn Besucher nur in die Uffizien kommen, um ein Selfie vor den Bildern zu machen, ohne diese einmal richtig anzusehen. „Das ist doch eine Verschwendung – eine verschenkte Gelegenheit.“ Und ja: Auch in den erhabenen Hallen der Uffizien gibt es Pokémons. Selbst seine Mitarbeiter würden den digitalen Monstern in den frühen Morgenstunden manchmal nachjagen. „Aber das ist ein flüchtiger Trend – das geht wieder vorbei.“

Eines nervt ihn hingegen gewaltig: Die illegalen Ticketverkäufer, die auch vor den Uffizien auf und ab gehen und den Touristen die Karten aus der Online-Reservierung zu Unsummen weiterverkaufen. Am Anfang seiner Amtszeit wurde auch Schmidt noch mit „Sir, skip the line“-Sprüchen vor dem eigenen Museum angesprochen. „Jetzt haben sie aber verstanden, wer ich bin.“ Gegen diese Verkäufer vorzugehen sei schwierig. Wirtschaftliche und politische Interessen – mehr will er lieber nicht sagen. Er versucht es daher anders. Eine Software soll bald gewährleisten, dass es eine Begrenzung beim Online-Ticketkauf gibt, die mit der IPAdresse des Computers verknüpft sein wird. „Jeder Fußballverein nutzt bereits solche Verfahren“, sagt Schmidt. Anders als viele Museen, habe er hier natürlich mit einem Luxusproblem zu kämpfen: Es wollen mehr Leute rein, als möglich ist. 7000 bis 8000 pro Tag, mehr sei im Moment nicht drin.

Nach einem Jahr im Amt wird klar: Der Freiburger will in den Uffizien neue Wege gehen, und zwar wortwörtlich gesprochen. So führt der Besucherstrom seit Jahrzehnten in nur eine Richtung durch die langen Flure und zahlreichen Räume. Treppen, die geschlossen sind, will Schmidt bald öffnen – wenn es nach ihm geht schon im kommenden Jahr. „Das gibt den Besuchern einfach mehr Wahlmöglichkeit.“ Wenn jemand nur die Highlights sehen möchte, mache es doch keinen Sinn, ihn in langen Wegen dorthin zu führen. Das entspreche quasi dem System der italienischen Raststätten, in denen der Weg vom Eingang zur Kasse und wieder raus wie in einem Labyrinth an möglichst vielen Regalen vorbeiführt. „Die Uffizien sind aber nun mal kein Autogrill“, so Schmidt.

3,4 Millionen Besucher kommen pro Jahr, um die Uffizien, den dazugehörigen
Palazzo Pitti und die Boboli-Gärten zu besichtigen. Im Sommer ist es schon morgens
voll. Die Japaner sind die Ersten, die sich anstellen, oft schon vor der Öffnung um 8 Uhr. Erst danach kämen die Deutschen. Wenn es um den Museumsbesuch geht, so habe jede Nation ihre Eigenheit, sagt Schmidt. Die Deutschen gingen sehr systematisch und ernsthaft vor. Die Amerikaner interessierten sich vor allem für den Preis eines Bildes. Für den italienischen Besucher ist die Kunst in den Uffizien hingegen identitätsstiftend. Man kennt sich aus – Kunstgeschichte ist schon lange Pflichtfach an italienischen Schulen. „Die geraten dann schon bei dem Frührenaissance-Maler Cimabue in Ekstase“, so Schmidt. Ganz anders dagegen die Japaner. Bei ihnen stehe Botticelli und Lippi ganz oben auf der Liste. Japan hat sich im 19. Jahrhundert der europäischen Kunst geöffnet, Maler orientierten sich an der italienischen Kunst, erklärt Schmidt. Die Art der Personendarstellung ist so auch in die japanische Kunst eingezogen. „Das war geschmacksbildend.“

Die Uffizien sollen aber auch Neues bieten: Vom 21. September an werden Werke
des chinesischen Exilkünstlers Ai Weiwei zu sehen sein. Wie die alten historischen
Werke mit denen moderner Kunst verbunden werden können, zeigt sich derzeit eindrucksvoll im Palazzo Pitti (noch bis zum 23. Oktober): Anlässlich des 90. Geburtstages
der Modemesse Pitti Uomo sind in den historischen Sälen, in denen einst auch Napoleon
hauste, Modefotografien von Karl Lagerfeld ausgestellt. Historische Anmut verschmilzt dort mit moderner Eleganz.

Freizeit? Vor einem Jahr habe er davon sicher mehr gehabt, sagt Schmidt. „Ich liebe es, im Meer zu schwimmen“ – von Florenz ist das zum Glück nach einer nur etwa einstündigen Autofahrt auch möglich, theoretisch zumindest. Aber: „Wenn man eine Reform durchbringen will, muss man sich auch komplett reinhängen“, sagt Schmidt. Das Privatleben bleibe da erst einmal auf der Strecke. Seine Frau, eine italienische Kunsthistorikerin, zeige Verständnis – und Kinder haben sie keine. Das mache
es leichter.

Leicht macht es ihm auch sein Beruf: Jeder Tag sei anders. Zurzeit kümmere er sich eigentlich um alles. „Ich gehe auch morgens um sieben mit den Putzleuten durch die Hallen, um zu sehen, was wir verbessern können.“ Seine Umstrukturierung fängt schon bei ganz einfachen Dingen an. Zum Beispiel ist nicht jedes Werk beschriftet. „Oder
ganz merkwürdig, zu kompliziert“, sagt Schmidt. Es bringe dem Museumsbesucher
einfach nichts, wenn dort die besten kunsthistorischen Erläuterungen stünden, die aber keiner versteht. „Da sind wir dran – textlich, aber auch was das Design der Beschriftungen angeht.“ Der geeignete Schrifttyp müsse vor allem gut und schnell lesbar sein –  Behinderte haben bei der Auswahl geholfen.

Für sie gibt es eigene Führungen in den Uffizien. Wenn es seine Zeit erlaubt, macht Schmidt diese selbst. Blinde führt er besonders gern durch sein Museum. Sie können mit Handschuhen Skulpturen ertasten. Manche Bilder wurden auch extra als 3D-Relief nachgebildet. „Ich lerne bei diesen Führungen selbst immer viel“, sagt Schmidt. „Blinde erspüren sofort, wo etwas zu restaurieren ist. Sie haben einen so feinen Tastsinn.“

Die Kunst seines Hauses an das Publikum weiterzugeben, ist Schmidts Anliegen. Deshalb hat er die Abteilungen für Forschung und die Bildung zusammengelegt.„Aus den Fragen, die eine Krankenschwester aus Deutschland oder ein Slawistikprofessor aus Dänemark stellt, kommt man einfach auch in der Forschung weiter“, ist Schmidt überzeugt.

Damit nicht genug: Schmidt will den Vasari-Korridor, die Verbindung zwischen den Uffizien und dem Palazzo Pitti, für die Öffentlichkeit öffnen, „und zwar zu einem
normalen Preis und für alle“. Momentan ist der Korridor, der eine riesige Porträtsammlung beherbergt, nur in teuren Sonderführungen zugänglich. Dieser Idee hat
Schmidt seinen Spitznamen zu verdanken: Che Guevara. Denn gleichzeitig sieht er es nicht ein, seine Terrasse an der Bar der Uffizien für „lächerliche 1000 Euro zu vermieten“.
Wer hier privat feiern möchte, der soll auch bezahlen. Immerhin ist es der schönste Ort in der ganzen Stadt.

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