Kunst am Straßenschild

Auf dem Polizeirevier in Nürnberg muss er sich erst einmal erklären. „Eine schöne Idee – aber das können Sie hier nicht machen“, lautet schlicht die Antwort der Beamten. Dann wird er wieder frei gelassen. Eine Strafe muss er nicht zahlen. Das war im vergangenen November.

Clet Abraham, kurz Clet, kennt dieses Prozedere bereits. Die Beamten in Nürnberg seien sehr freundlich und höflich gewesen. Der 50-Jährige zieht seit sechs Jahren durch die Städte Europas und macht Verkehrszeichen zu seinen Kunstwerken. So wird das rote Schild mit dem weißen Balken, das auf eine Einbahnstraße hinweist, mit Hilfe seiner Aufkleber zu einer Sardinenbüchse, in der schwarze Männchen liegen, oder der Balken wird einfach gerade von einem der Männchen entwendet. Sein bekanntestes und umstrittenstes Werk: Das Sackgassenschild, das zum Kreuz wird, an das Jesus genagelt wurde. „Diese Schilder sind der Inbegriff des Gehorsams“, sagt Clet. „Und wir müssen ihnen gehorchen. Wie Tiere.“ Er vertritt mehr die Schule des zivilen Ungehorsams. Verkehrszeichen seien sinnvoll, natürlich, aber sie machten den städtischen Raum so unpersönlich. „Die Menschen sollten nicht einfach immer gehorchen. Sie sollen ihre intellektuelle Kapazität ausnutzen.“

Strafen bekomme er noch immer manchmal aufgebrummt, „aber die zahle ich nicht“, sagt Clet. Sein Anwalt habe dadurch eigentlich immer etwas zu tun. In Florenz sei seine Straßenkunst nun aber fast schon im Bereich des Legalen angekommen „quasi ufficiale“, wie er es nennt – oder besser: Man hat sich hier an ihn gewöhnt. Seit elf Jahren hat er sein kleines Studio in der Stadt am Arno, wo er heute auch Postkarten mit seinen verzierten Verkehrszeichen und andere Kunstwerke verkauft, Skulpturen und Zeichnungen. In Florenz hat er vor sechs Jahren sein erstes Straßenschild verziert – der gekreuzigte Jesus war das erste Motiv. Hier sind seine Schilder schon so bekannt, dass sie auch schon manchmal gestohlen wurden. Im Internet habe er eines gesehen, das zum Verkauf angeboten wurde. Für rund 3000 Euro. Auch Nachahmer gebe es bereits. Aber das scheint – wie so vieles – diesen kurz angebundenen Mann nicht aus der Ruhe zu bringen.

Clet ist in der Bretagne geboren und aufgewachsen und hat dort auch sein Kunststudium absolviert. Danach ist er nach Rom gegangen und hat dort als Restaurator antiker Möbel gearbeitet. Seit 25 Jahren lebt er nun schon in Italien. Auch wer in Holland, Belgien, Frankreich, Spanien, Irland und England, in Japan oder Hongkong durch die Straßen zieht, kann auf eines seiner Werke stoßen. Aber Nicht überall nimmt man seine „Gedankenanregung“, wie er es nennt, so leicht wie in Nürnberg oder Florenz. „In der Türkei wäre ich mal fast im Knast gelandet“, sagt Clet. In Japan wurde seine damalige Freundin verhaftet – und sechs Monate lang festgehalten. Sie wollte eine Woche länger bleiben als er, er war schon wieder ausgereist als man sie festnahm, weil sie mit ihm gesehen worden war. „Mich haben sie nicht mehr ins Land gelassen.“ Clet erzählt das alles ziemlich unbeeindruckt. Nach einem halben Jahr durfte seine Freundin dann Japan ebenfalls wieder verlassen. Sie sind heute nicht mehr zusammen.

Über den Umgang der Politiker in Florenz mit dem künstlerischen Potenzial ihrer Stadt kann Clet nur den Kopf schütteln. Auf der Piazza Signoria, dem Platz vor dem Rathaus Palazzo Vecchio, steht aktuell eine riesige goldene Schildkröte mit Reiter. Der Künstler: Jan Fabre – kein Unbekannter. Auch Skulpturen von Jeff Koons wurden hier schon ausgestellt. Er habe nichts gegen Fabre und Koons, sagt Clet. Aber diese Ausstellung sei schlicht skandalös. „Das machen die Politiker doch nur, um zu zeigen, wie hip sie sind“, regt er sich auf. „Das ist eine Banalisierung der Kunst, das hat nichts mit Kultur zu tun.“ Hätte man zum Beispiel zusätzlich Werke von jungen vielversprechenden Künstlern aus Florenz mit ausgestellt, hätte das Ganze wenigstens einen Sinn gehabt. „Aber diese großen Künstler brauchen doch diese Aufmerksamkeit nicht“, sagt Clet.

Aufmerksamkeit ist auch etwas, die Clet eher nicht wünscht. Zumindest nicht während seiner Arbeit. Vor vier Jahren war er schon einmal in Berlin unterwegs. Da hatte er gar keine Probleme, sagt er selbst. „Es hat mich einfach niemand gesehen.“ Bald möchte er wieder nach Deutschland, wenn es klappt noch in diesem Jahr, „bevor es richtig kalt wird.“ Nach München vielleicht. Hamburg, Frankfurt und Stuttgart stehen aber auch auf seiner Liste. Er werde aber auch dort sehr diskret vorgehen: „Wenn man mich nicht sehen soll, sieht man mich auch nicht.“

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