Frieren im Süden

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen. Das klingt nach Sonne. Das klingt nach Wärme. Goethe muss diese Zeilen wohl im Juni, Juli oder August geschrieben haben. Vielleicht noch im September. Aber sicher nicht im Oktober. Der von dem deutschen Dichterfürst so blumig beschriebene südliche Flair – entschwunden. Der Blick aus dem Fenster fällt nicht mehr auf sonnengetränkte Pfirsichbäume sondern auf einen wolkenbehangenen Himmel, ein Vorhang aus Regentropfen trübt den Blick auf das Nachbarhaus.

Auch wenn die Temperaturen an manchen Tagen noch immer über die 20 Grad-Marke klettern, schafft es die Sonne nicht mehr, die dicken Steinmauern des Hauses mit Wärme zu versorgen. So kommt, was der Neu-Korrespondentin bereits im Juni von ihrem Vorgänger prophezeit wurde: Sie friert. In Rom. Sitzt eingemummelt in Wolldecke und Schal an ihrem Schreibtisch. Die warme Teetasse in der Hand. Sie weigert sich aber, den mobilen Heizkörper, den derselbe Kollege fürsorglich und mit den Worten: „Glaub mir – du wirst ihn brauchen“ in ihre Wohnung trug, in Betrieb zu nehmen. Denn angeblich hat das Frieren bald schon wieder ein Ende.

Das Land, wo die Zitronen blühen ist auch das Land, wo die Heizung per Gesetz am 1.November angestellt wird. Um Energie zu sparen wurde Italien in einem Gesetz von 1991 in sechs Zonen eingeteilt – je nach Jahresdurchschnittstemperatur wurde so auf alle Ewigkeit festgelegt, wer wo wann seine Heizkörper in Betrieb nehmen darf. Für die Hauptstadt – per definitionem Zone D – darf man also vom 1. November bis zum 15. April mit molliger Wärme rechnen.

Diese Wohnung ist mit einem „Riscaldamento Autonomico“ ausgestattet – in der Theorie heißt das so viel wie: Jede Wohneinheit kann ihre Heizung selbst regeln. Unerlässlich für Menschen, die zu Hause arbeiten. Taktisches Vorgehen ist allerdings hierbei das A und O. Auf dem Tisch liegt bereits ein ausgeklügelter Stundenplan. Denn: Das Heizen ist – in Zone D – nur 12 Stunden am Tag gestattet. Das steht im selben Gesetz, das, wir erinnern uns, der Energieverschwendung einen Riegel vorschieben soll. Unterbewusst wandert der sehnsüchtige Blick in diesem Moment wieder in Richtung Abstellkammer: Wieviel Strom wohl so ein mobiler Heizkörper verbraucht?

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