Italiens Herz ist gebrochen

Verloren stehen sie auf dem Hof unterhalb des Ortseinganges von Norcia. Simona Maria Bordeano und ihre Tochter Angela Maria warten. Mehr können sie im Augenblick nicht tun. Der Familienvater Fabio De Paolis hat sich in die Schlange gestellt. An dem Klapptisch vor dem Zelt des Zivilschutzes können die Bewohner von Norcia sich registrieren lassen, um an diesem Tag begleitet von Feuerwehrleuten in ihre Häuser zu gehen, um das Nötigste herauszuholen. Medikamente, Kleidung, Dokumente. „Wir tragen immernoch die selben Sachen, seit Sonntagmorgen“, sagt Simona Maria Bordeano und zeigt an sich herunter. Die weißen Stoffschuhe, die Jeans, der graue Wollpullover und die schwarze Daunenjacke – „das hängt mir so zum Hals raus. Ich kann es nicht mehr sehen.“

Das Haus der Familie liegt in der „zona rossa“, der Sperrzone von Norcia. Hinter dem Stadttor, der Porta Romana, vor dem Ordnungshüter darauf achten, dass niemand ohne Berechtigung die Straßen betritt, erblickt man sie: Die Geisterstadt. Die Häuser säumen noch die Hauptstraße, die Markisen der kleinen Läden sind einladend aufgespannt. Die Hauptstraße sauber. Weiter hinten ist die Piazza zu erkennen. Hier stand auch einst die Kirche des heiligen Benedikt. Was von dem Stadttor aus nicht zu sehen ist: Sie liegt nun in Trümmern.

Die einzigen Menschen in den Straßen sind die Feuerwehrmänner in Uniform und mit gelben Schutzhelmen. Und die wenigen Bewohner, die in Gruppen nach Straßen geordnet den Ort betreten dürfen. Still stehen diejenigen, die bereits registriert sind und darauf warten, in ihre Häuser zu kommen, vor dem Tor. Eine junge Frau trägt unter dem Arm einen Stoß schwarzer leerer Müllsäcke. Andere haben Tüten aus dem nächsten Supermarkt bei sich. Fabio De Paolis steht derweil noch immer in der Schlange.

Am vergangenen Sonntagmorgen gegen 7.40 Uhr bebte die Erde in dem etwa 100 Kilometer südlich von Perugia gelegenen Gebiet. Mit einer gemessenen Stärke von 6,5 war dieses das stärkste Beben in der Serie seit dem 24. August, als fast 300 Menschen in Amatrice und den umliegenden Orten ihr Leben verloren. Tote gab es an diesem Sonntag glücklicherweise keine. Die Menschen sind wachsam, seit dem Beben im August wurden mehr als 22200 leichtere, teils aber auch spürbare Nachbeben gezählt, allein seit Sonntag waren es 2200, wie die nationale Erdbebenbehörde mitteilt. Nahezu täglich versetzen die Erdstöße die Bewohner in neue Angst. Viele in der betroffenen Region haben in den vergangenen Wochen in ihren Autos geschlafen. So auch die Familie Bordeano/De Paolis.

„Weil es vorher immer wieder Beben gab, haben wir auch am Samstag im Auto geschlafen – wie eigentlich fast jede Nacht seit dem 24. August“, erzählt Simona Maria Bordeano. Die 45-Jährige, ihr Mann und ihre zehnjährige Tochter sind wie die meisten Bewohner Norcias derzeit in einem Hotel untergebracht. Jeden Tag fahren sie die rund 100 Kilometer von Perugia in ihren Heimatort, um mit eigenen Augen zu sehen, wie es mit ihrem Ort weitergeht. „Sie haben uns gesagt, wir sollen in die Hotels gehen. Aber wer garantiert uns, dass das wenige, was wir noch haben, nicht auch noch gestohlen wird. Wer bewacht unsere Stadt, solange wir weg sind“, fragt Bordeano und deutet mit den Händen verzweifelt in Richtung des Stadttors. Tränen steigen in ihren Augen auf.

Um diese Ängste weiß auch Premierminister Matteo Renzi. Als er am Dienstag die betroffenen Gebiete besucht, verspricht er nicht nur den kompletten Wiederaufbau der einst so beschaulichen Orte, er sichert auch Sicherheitskräfte vor Ort zu, die Plünderungen verhindern sollen. Am Mittwoch besuchte Präsident Sergio Mattarella Norcia. Simona Maria Bordeano ist das egal. „Da sagt doch einer das, was der andere sagt. Ich weiß trotzdem noch nicht, ob unser Haus noch steht.“

Wie so viele Bewohner der betroffenen Orte, will auch die Familie Bordeano/De Paolis so schnell wie möglich in ihren Heimatort zurückkehren. Sie leben schon immer mit der Gefahr, die unter ihnen in der Erde lauert. Die Idee wegzuziehen haben nur wenige. 40 Prozent aller Häuser in Italien stehen in stark erdbebengefährdeten Gebieten.

Die Regierung hat für die betroffenen Regionen nun einen Vier-Stufen-Plan vorgestellt. Die erste Stufe ist die Unterbringung der Menschen in Hotels. In einer zweiten Stufe sollen bis Weihnachten Container aufgestellt werden, in denen die Menschen unterkommen können. Innerhalb des kommenden halben Jahres will die Regierung dann kleine Holzhäuser aufstellen. Darin sollen die Menschen wohnen, bis ihre Orte wieder aufgebaut sind. Die Kosten werden derzeit auf mehr als sieben Milliarden Euro geschätzt. Viel für ein Land, das ohnehin gerade in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt.

Aber es geht nicht nur darum, die zerstörten und beschädigten Häuser wieder aufzubauen. „Das Erdbeben hat das Herz unserer Halbinsel verwüstet“, sagt Renzi. Diese Dörfer, viele davon wie Norcia, Visso oder Preci galten als die schönsten Orte Italiens, seien die Identität des Landes. Renzi verspricht nicht nur den Wiederaufbau der Gebäude, sondern auch den des touristischen und wirtschaftlichen Umfelds der Region. „Ein Zimmer zum schlafen, das reicht nicht zum Leben“, so Renzi.

Die Gegend um Norcia ist neben ihren historischen Orten vor allem für ihre Wurst- und Schinkenproduktion bekannt. 3000 landwirtschaftliche Betriebe sind von dem Beben betroffen. Neben den vielen Menschen müssen auch etwa 100000 Schweine, Schafe und Kühe versorgt werden. Viele Landwirte weigern sich daher, ihre halb zerstörten Höfe zu verlassen.

Eine Frage, die sich kaum einer zu stellen wagt, steht allerdings auch im Raum: Lohnt sich der Wiederaufbau? Werden nach den Jahren, die dafür ins Land ziehen werden, überhaupt noch der Wille und die Menschen für ein Wiederbeleben der alten Strukturen vorhanden sein? Werden auch die rekonstruierten Orte die Touristen in die Region ziehen, die so von dem Charme der originalen Häuser und Gassen angezogen wurden? Die Bevölkerung Italiens schrumpft ohnehin. Auch die so idyllischen Bergdörfer leiden seit Jahren darunter. Das einzige was wächst, ist der Altersdurchschnitt. Im Plan der Regierung daher auch: Anreize schaffen, um die Menschen für ein Leben in dieser Region zu gewinnen.

Das sind alles hehre Ziele. Doch viele sind skeptisch, sie wenden ihren Blick nach L’Aquila, in die Stadt, die am 6. April 2009 von dem letzten schweren Beben getroffen wurde. 309 Menschen verloren dabei ihr Leben. Der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi versprach – wie Renzi heute – einen schnellen Wiederaufbau. Schnell und finanziell nahezu unkontrolliert wurden damals 19 so genannte „New Towns“ vor den Toren L’Aquilas hochgezogen. Dort leben die Menschen noch heute. Die Innenstadt L’Aquilas ist verwaist, die Häuser noch immer nicht repariert, sie werden notdürftig von Holzgerüsten gestützt.

Aus jeder weiteren Katastrophe lernt man etwas – das zumindest hoffen die Menschen in Umbrien und in den betroffenen Regionen. Doch es wird noch lange dauern, bis sie wieder zur Ruhe kommen können. Nachbeben wird es noch einige Zeit geben, da sind sich die Experten einig. Was aber niemand vorhersagen kann ist, ob das Beben vom vergangenen Sonntag das stärkste und damit der Schluss dieser verheerenden Serie ist. Die Statistik spricht dafür. Aber die Wahrscheinlichkeit eines weiteren schweren Erdstoßes schwebt derzeit über allem.

Der rote Pick-up der Feuerwehr kommt wieder durch das Stadttor gefahren. Die nächsten sind an der Reihe und steigen ein. „Ich habe keine Tasche, wie soll ich meine Sachen denn transportieren?“, fragt eine Frau währen sie zittrig auf die Ladefläche des Autos steigt. Die Antwort ist nur ein Schulterzucken. Sie schaut dem Mann und der Frau hinterher, die eine Decke als Tragetasche umfunktioniert haben und nun jeder mit zwei Zipfeln davon in der Hand die schweren Sachen die Straße hinuntertragen bis zu ihrem Auto.

Ob sie heute unter denjenigen sind, die in ihre Häuser können, weiß Simona Maria Boreano noch immer nicht. Sie steht weiter auf dem Platz und wartet. Wie es weitergeht? „Keine Ahnung. Wir leben von Tag zu Tag“, sagt sie ruhig und legt den Arm um ihre Tochter. „Denn es reicht nur eine Minute und alles ist vorbei.“

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