Napoli Valley

Schnellen Schrittes eilt der junge Mann in seinen Sneakers über den Uni-Campus. Das graue Sweatshirt locker über der Jeans, den Rucksack lässig über den Schultern, in jeder Hand ein iPhone. Auf jedem davon tippt er etwas, gleichzeitig, während er zielstrebig auf den modernen Bau am Corso Protopisani zustrebt. Nur wenige Zentimeter bevor es zu einer Kollision mit der Glasfassade des Unigebäudes kommt, schaut er instinktiv von den Geräten in seinen Händen auf. Stoppt, stutzt, und geht dann geschwind durch die Glastür, die einen Meter weiter rechts in der Fassade sitzt.

Sie führt in das Unigebäude in dem Neapler Stadtteil San Giovanni a Teduccio, in dem seit Oktober dieses Jahres die iOS Developer Academy beheimatet ist. Dorthin geht auch Johannes Knust seit nun fast vier Wochen. Der 25-Jährige aus Paderborn ist der einzige deutsche Student, der in diesem ersten Jahr für das einzige europäische Ausbildungszentrum für App-Entwickler ausgewählt wurde. Die Firma Apple hat dieses in Zusammenarbeit mit der Universität Federico II in Neapel realisiert. Etwas Vergleichbares gibt es bisher nur in Brasilien.

Mehr als 4000 junge Menschen unter 30 hatten sich online für die Ausbildung beworben. „Der erste Schritt war einfach, man musste nur seinen Kenntnisstand und seine persönlichen Daten eingeben und schon war man in der zweiten Runde“, erzählt Knust. Nachdem er seinen Bachelor in Technischer Informatik in Lemgo gemacht hat, ist er aktuell eigentlich Masterstudent intelligenter Systeme in Bielefeld. Sein Studium hat er für die App-Academy unterbrochen. Auch wenn das alles etwas kurzfristig über ihn hereinbrach.

Nach der Online-Anmeldung Ende September, kam die Einladung nach Neapel zum Eignungstest. Fünf Tage vor Studienbeginn am 5. Oktober, dann die Nachricht: Knust hat es auf Platz 46 geschafft und ist damit unter den 200 Teilnehmern. Eine Unterkunft hat er per Mail über die Universität organisiert. Wie jeder der Teilnehmer erhält er ein Stipendium von 800 Euro im Monat, das zum größten Teil von der Regionalregierung von Kampanien bezahlt wird. Apple zahlt fünf Prozent der Stipendien. Knust lebt mit elf anderen Studenten in einem Wohnheim. Hier hat er gleich Freunde gefunden, mit denen er nun auch in einer Gruppe zusammenarbeitet – und die ihm im Alltag helfen, wenn beispielsweise die Hausordnung nur auf Italienisch aushängt.

70 Prozent der Studenten an der Academy kommen aus dem Umland, wie Giorgio Ventre, Professor für Informationstechnologie an der Uni von Neapel und Leiter des Projektes, erzählt. Nur fünf Prozent kommen aus dem Ausland, der Rest aus ganz Italien. Ventre sieht das Projekt auch als Chance für die einheimische Jugend. „Apple hatte sich mit der Idee an die italienische Regierung gewandt, man war sich schnell einig, gemeinsam etwas im Süden des Landes auf die Beine zu stellen.“ Neue Impulse seien bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 37,1 Prozent, wie sie derzeit in Italien herrscht, und die steigt je südlicher man sich befindet, nicht zu unterschätzen.

Die Uni von Neapel, an der aktuell etwa 25000 Studenten der Ingenieurswissenschaften eingeschrieben sind, sei für das Projekt der perfekte Ort, sagt Ventre. Der neue Campus im Viertel San Giovanni a Teduccio, der selbst erst vor zwei Jahren in dem einstigen Industriegebiet eröffnet wurde, biete modernste Voraussetzungen zur Umsetzung der Ideen. In dem großen rechteckigen Raum stehen Dutzende runder Tische. An jeden passen fünf Studenten mit ihren Laptops. An den Wänden hängen große Bildschirme, an denen man von jedem Platz aus das Geschehen verfolgen kann. „Das ist nicht wie sonst an der Uni, wo der Lehrer vorne steht und die Studenten zuhören“, sagt Ventre.

Der Blick durch den Raum auf die rauchenden Köpfe und leuchtenden Bildschirme zeigt aber auch: Ganz schön wenig Frauen anwesend. „Ja, das ist ein Problem, ich hoffe, dass es im nächsten Jahr mehr sind“, sagt Ventre. Für die Ingenieurswissenschaften in Neapel sei eine Frauenquote unter den Studenten von 25 bis 30 Prozent normal. An der iOS Developer Academy sind derzeit 15 Prozent Frauen eingeschrieben. Ventres Erklärung: „Ich glaube, junge Frauen sind einfach viel ernsthafter in dem Alter. Die wollen Zeit investieren, und dann einen Abschluss haben.“ Nach den neun Monaten Academy erhält man zwar ein Zertifikat, aber einem Uni-Abschluss oder einer abgeschlossenen Ausbildung ist das nicht gleichzusetzen.

Die Studenten lernen in den neun Monaten in Neapel nicht nur das Programmieren und Gestalten einer App, sondern auch das Erstellen eines eigenen Businessplans und weitere Fähigkeiten, die es zur Gründung eines eigenen Unternehmens braucht. Genau das ist das Ziel von Johannes Knust. Ein eigenes Unternehmen. Gerne auch mit den Freunden, die er hier gefunden hat. „Das ist eigentlich das Beste an der Sache hier – die vielen Kontakte, die man knüpfen kann.“

Dass es Apps in ein paar Jahren noch geben wird, davon ist er überzeugt. Allerdings erschrecke ihn selbst die Überlegung, wie weit das Handeln der Menschen bald mit Apps verknüpft sein wird. „Mich beschäftigt dabei vor allem die Frage der Datensicherheit“, sagt er. Den Nachrichtendienst Whatzapp oder das Soziale Netzwerk Facebook nutze er persönlich daher bewusst nicht. So sorglos wie heute könne das nicht weitergehen, findet Knust. Es fehle ein Konzept. „Wer das findet, ist in meinen Augen Anwärter auf den Nobelpreis.“ Eine Spezialisierung in die Richtung kann er sich zumindest vorstellen.

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