Die Zukunft ist dunkelrot

Lorenzo Battistini nimmt einen langen schweren Atemzug, bevor er weitererzählt. „Natürlich, am Anfang war da nur Angst. Und Wut“, erzählt der 29-Jährige aus San Pellegrino di Norcia. Der kleine Ort liegt nur acht Kilometer südlich der einst für ihren Schinken gefeierten Stadt. In diesem Jahr erlangten Norcia und die Region jedoch weitere, traurige Berühmtheit.

Die Stadt wurde von den verheerenden Erdbeben in diesem Jahr, am 24. August und am 30. Oktober, schwer getroffen. Anders als in Amatrice und Accumoli, wo das erste Erdbeben im Sommer jeweils den ganzen Ort in Schutt und Asche legte und fast 300 Menschen das Leben nahm, stehen in Norcia die meisten Häuser noch. Glücklicherweise kam hier niemand ums Leben. Doch die Stadt ist zu einer Geisterstadt geworden. Erst vor wenigen Tagen wurden die Ergebnisse der Kontrollen des Zivilschutzes veröffentlicht: Demnach sind von 1959 kontrollierten Häusern, 1242 nicht mehr zu nutzen. 6700 Privathäuser in 30 Kommunen der Region Umbrien sind nicht mehr bewohnbar.

Lorenzo Battistini und seine Partnerin Ilaria Amici (30) wohnen heute in einem Wohnmobil, das auf dem Gelände steht, das vom Zivilschutz für die Evakuierten hergerichtet wurde. Die beiden hatten sich erst vor rund einem Jahr entschieden, ihr altes Leben aufzugeben – er seinen Job als Frisör in Rom, sie ihre Stelle in einer Zahnarztpraxis der italienischen Hauptstadt. Sie wollten komplett neu anfangen. Amicis Familie stammt aus San Pellegrino di Norcia, besitzt dort einige Hektar Land und ein heruntergekommenes Haus. Hierher zogen die beiden, sammelten all ihre Ersparnisse zusammen, etwa 30.000 Euro, und gründeten den Bosco Torto, einen landwirtschaftlichen Betrieb, der die größte Produktionsstätte für Safran in ganz Italien werden sollte. Ein Jahr lang haben sie alles aufgebaut, das Haus renoviert, Geräte angeschafft.

„Das war unsere Wette“, sagt Battistini. „Alles oder nichts.“ Safran ist ein edles Gewürz. Die Pflanze blüht nur einmal im Jahr, im Herbst, und um ein Kilogramm Safran herzustellen braucht es bis zu 200.000 Blüten. Um das Projekt mit dem Safran finanzieren zu können, bauten die beiden daher auch schwarzen Knoblauch, rote Beete und Gojibeeren an. Aber die erste Ernte ist nun verloren, manche Bereiche des Anbaugebiets liegen sogar in der „Zona Rossa“, können also nicht mehr erreicht werden. Das Labor für die Zucht des Safran, das gerade im Entstehen war, das Lager für Werkzeuge und die Produkte – alles zerstört. Was übrig ist und von den Feuerwehrleuten gerettet werden konnte haben sie nun gepflanzt: 120.000 Safranknollen.

„Unser Leben ist jetzt hier. Vor allem nach dem, was passiert ist.“ Um alles wieder aufzubauen und neu zu kaufen, was zerstört wurde, rechnen sie mit Kosten von etwa 20.000 Euro. Über eine Internetplattform für Crowdfunding sammeln sie nun Geld. „Ein SOS aus San Pellegrino di Norcia: Erfülle den Traum von Ilaria und Lorenzo“, heißt ihre Petition. Bis Mitte Dezember wurden schon 4205 Euro gespendet. Sollte mehr Geld zusammenkommen, wollen die beiden auch Leute anstellen, und so Arbeitsplätze in der so schwer getroffenen Region schaffen und damit auch außerhalb ihres eigenen Unternehmens etwas zur Entwicklung und zum Wiederaufbau beitragen. „Weiter so! Gebt nicht auf! Ihr seid die Zukunft, glaubt an euren Traum“, schreibt eine Patrizia als Kommentar unter den Aufruf im Internet.

Das Paar will seinen Traum auch nicht aufgeben. Lorenzo Battistini hält ein großes Glas in der Hand. Als er den roten Deckel abschraubt, und auf das rote Pulver vor ihm schaut, beginnt sein vorher so ernstes Gesicht zu strahlen. „Dieser Duft ist einfach unglaublich“, sagt er. Durch die sozialen Netzwerke und die Medien bekämen sie viel Zuspruch. „Heute sind wir glücklich“, sagt Battistini. „Unser Safran geht gerade weg wie warme Semmel.“

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