Die Bergrettung

Sie diente einst dem Gemeinwohl – nun soll das Gemeinwohl ihr dienen. Der Staat soll zur Rettung der Bank Monte dei Paschi di Siena (MPS) einspringen. Erneut. Faule Kredite in Höhe von 45,6 Milliarden Euro stehen in den Büchern der ältesten noch operierenden Bank der Welt. Um sich für die drohenden Ausfälle zu wappnen, fehlt es der Bank jedoch an genügend Eigenkapital. Bekommt sie keine Hilfe, droht ihr nach 545 Jahren die Schließung.

Wie genau die Rettung aussehen soll, ist noch ungewiss. Was in den letzten Tagen des vergangenen Jahres von der EU-Kommission genehmigt wurde, ist lediglich eine kurzfristige Rettung der Bankgeschäfte durch eine Liquiditätsspritze durch den Staat. Alles weitere, nämlich die Frage, ob der italienischen Regierung erlaubt wird, dem MPS mit einer vorsorglichen Rekapitalisierung unter die Arme zu greifen, werde derzeit mit den Italienern diskutiert, heißt es aus Brüssel. Denn ob dies mit den EU-Regeln für Staatshilfen in Einklang zu bringen ist, steht noch in den Sternen. Zwei bis drei Monate soll die genaue Prüfung in Anspruch nehmen. 6,6 Milliarden Euro müsste Italien für die Rettung in die Hand nehmen – davon zwei Milliarden, um die 40000 Kleinsparer zu entschädigen, die laut EU-Regeln vor dem Steuerzahler zur Kasse gebeten würden. Ihnen hatte der MPS Schrottanleihen aufgeschwatzt. Kein sehr frommer Akt.

1472 wurde das Bankhaus in Siena in der Toskana unter dem Namen „Monte Pio“ als ein so genannter Monte di Pietà (Berg des Erbarmens), gegründet. In dem Leihhaus wurden Kleinkredite gegen Zinsen vergeben, die niedriger waren als sonst üblich. Im Sinne des Gemeinwohls. Seit 1624, als die Statuten geändert und die Bank mit staatlichen Einnahmen aus Weideland der Maremma (Paschi) besichert wurde, trägt sie ihren heutigen Namen: Monte dei Paschi di Siena.

Die Kredite, die dem Haus einst das Ansehen eines Guten Samariters einbrachten, sind heute das Problem der Bank. „Il Monte“, wie die Bank intern familiär genannt wird, den Berg, assoziieren die meisten wohl nur noch mit dem Schuldenberg, den die Bank mit sich herumschleppt. Und auch das Bild des frommen Geldhauses kann der MPS schon lange nicht mehr bedienen. Vordergründig nicht gewinnorientiert, herrschte doch der Sieneser Klüngel vor: rote Lokalpolitik, Kirche und Bank arbeiteten profitabel Hand in Hand. Die lokale Stiftung, die lange Träger der Bank war, konnte in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts zwar noch mit bis zu 200 Millionen Euro Ausschüttung jährlich zum Wohle der Stadt beitragen – Krankenhäuser und Verkehrsbetriebe wurden gefördert und der Palio, das berühmte Pferderennen auf der Piazza del Campo, gesponsert. Doch die enge Verzahnung mit der Politik begünstigte eine Kreditvergabe, mit der sich die Sympathie und die Stimmen der Bürger erkauft werden konnten.

Die leichtfertigte Vergabe von Krediten musste gegenfinanziert werden. Und dabei hatte die Bank – in diesem Jahrhundert zumindest – kein gutes Händchen. 2005 kaufte der MPS für 400 Millionen Euro so genannte Alexandria-Bonds von der Dresdner Bank, was ihm einen Verlust von 220 Millionen Euro eingebracht hat. Um diese in der Bilanz zu verschleiern, schloss der MPS ein weiteres verlustreiches Finanzgeschäft ab – diesmal mit der japanischen Bank Nomura. Ein Gegengeschäft, das an italienische Staatsanleihen gebunden war – die kurz darauf allerdings ebenfalls in Schieflage gerieten.

Etwa zur gleichen Zeit ereignete sich der finanzpolitische und moralische Supergau für den vordergründig sozial agierenden Monte: Um das Image als Porvinzbank der Toskana loszuwerden wollte man sich mit dem Kauf der venezianischen Bank Antonveneta Geltung verschaffen. 2008 wurde diese für zehn Milliarden Euro der spanischen Bankengruppe Santander abgekauft – diese aber hatte Antonveneta erst ein halbes Jahr zuvor für lediglich 6,6 Milliarden Euro von einer niederländischen Bankengruppe erworben. Eine Preisexplosion, die von den Büchern der Bank in keinem Fall gedeckt war. Das ganze fliegt Anfang 2013 auf – die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs und Selbstbereicherung gegen ehemalige Manager.

Auch der Versuch, den Verlust zu decken, endetet im Debakel: Beim Spekulationsgeschäft „Santorini“ mit der Deutschen Bank, fuhr der MPS letztendlich nur weitere Verlust ein – diesmal in Höhe von 720 Millionen Euro. Die Folge: Der MPS fällt 2012 durch den Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht. Die damalige Regierung unter Mario Monti muss bereits da einspringen und der Traditionsbank mit rund vier Milliarden Euro unter die Arme greifen.

In dieser Zeit kommt Alessandro Profumo als CEO zum Monte. Er soll die Bank retten – und er leistet gute Arbeit: Das Personal wurde von rund 30.000 Mitarbeiter im Jahr 2013 auf 25.000 im Jahr 2016 abgebaut. Auch die Filialen wurden von 3000 Filialen, die es 2013 in ganz Italien gab, auf heute noch rund 2000 reduziert. Im Februar 2012 kommt es außerdem zu einer historischen Entscheidung: Die Stiftung, die bis dato 51 Prozent der Anteile an der Bank hatte, verzichtet auf ihre Kontrolle und gibt ihre Anteile schrittweise ab. 2016 hält sie symbolische 1,5 Prozent. Einer der größten Anteilseigener ist heute mit vier Prozent bereits der italienische Staat. Durch eine Rettung würde dieser Anteil auf 70 Prozent ansteigen – die drittgrößte Bank Italiens wäre damit de facto verstaatlicht.

Trotz des Wandels kann Profumo die Stimmung nicht kippen: Die Anleger ziehen im großen Stil ihr Geld ab. Der neue Chef, Marco Morelli, wollte Ende 2016 mit einem neuen Sanierungsplan für Beruhigung sorgen: Rund 2600 Stellen sollten in den kommenden drei Jahren gestrichen und weitere 500 Filialen geschlossen werden. Damit wollte er die toskanische Bank bis 2019 zu einem Nettogewinn von 1,1 Milliarden Euro führen. Nun muss er aber erst einmal hoffen, dass das Traditionshaus bis dahin überhaupt noch existiert.

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