Leben in Italiens Disneyland

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du liebst Venedig, oder du hasst Venedig. Das sagt zumindest Massimo. Der 34-Jährige hat eine Bar im historischen Stadtzentrum in der Nähe des Bahnhofs. „Wir Venezianer lieben unsere Stadt. Aber sie ist nun mal anders“, sagt er. Nicht nur wegen der Massen an Touristen. „Wohnt man auf der Insel hat man auch kein Auto zum Beispiel. Wenn es regnet, regnet es. Du musst trotzdem zu Fuß gehen.“ Er müsse nun auch schnell weiter, ruft er noch und verschwindet um die nächste Ecke in einer der engen Gassen.

Venedig war schon immer eine Stadt, in der viele Kulturen aufeinandertrafen. Die günstige Lage am Meer machte sie früh zur Handelsstadt. Steigt man heute aus dem Zug und tritt aus dem Bahnhof in die kleinen Gassen und die schmucken Brücken der Stadt, dauert es an diesem Tag genau vier Minuten und 16 Sekunden, bis man in dem allgemeinen Stimmengewirr zum ersten Mal Worte auf Italienisch hört. Und auch dieser Herr, der etwas barsch in sein Telefon brüllt, zieht einen Rollkoffer hinter sich her.

„Ich habe einfach Angst davor, wie Venedig in 30 Jahren sein wird“, sagt Marco Caberlotto. Geschätzt 30 Millionen Touristen kommen jedes Jahr nach Venedig. „Genau sagen kann man das nicht“, sagt der 25-Jährige. Etwa die Hälfte von ihnen käme nur für ein paar Stunden in die Lagunenstadt. „Gezählt werden können aber nur die Übernachtungen“, so Caberlotto. Und diejenigen, die nur so kurz bleiben, bringen der Stadt kaum Geld: „Sie zahlen keine Übernachtungssteuer und trinken während ihres Besuchs mal einen Kaffee, das war’s.“ Was ihn am meisten daran stört: „Die meisten von ihnen verlassen Venedig wieder, ohne die Stadt überhaupt kennengelernt zu haben.“

Die Zahl der Besucher Venedigs hat sich in den vergangenen 25 Jahren fast vervierfacht. Der steigenden Masse der Touristen stehen in Venedigs historischem Zentrum immer weniger Einwohner gegenüber. Unter 55000 ist die Zahl in diesem Jahr gerutscht – Tendenz weiter sinkend. Vor 1990 waren es noch 78000 Einwohner. Fast die Hälfte derer, die noch da sind, sind älter als 60. Nur etwa 9000 sind unter 18. „Aus meiner Klasse, wir waren damals 25 Jungen und Mädchen, leben heute mit mir zusammen noch sieben hier in der Stadt“, erzählt Caberlotto. Der gebürtige Venezianer ist einer der Mitbegründer der „Generazione90“, einer Initiative junger Leute, die sich nun dagegen wehren, dass sich ihre Stadt immer mehr den anscheinenden Bedürfnissen der Touristen anpasst, anstatt sich am Alltagsleben ihrer Bewohner zu orientieren. Sie wollen Venedig wieder lebenswerter machen. Und das soll am Ende auch den Touristen zu Gute kommen.

Im Juni dieses Jahres haben eine Handvoll junger Venezianer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren die Initiative gegründet. „Ich bin 1991 geboren. Wir sind die letzte Generation, die Venedig noch als halbwegs normale Stadt erleben durfte.“ Wieviele heute der Initiative „Generazione90“ angehören, weiß Caberlotto nicht. Es gibt keine Mitgliederliste, jeder der will, kann mitmachen, die politische Gesinnung zählt nicht. „Zu unseren Treffen kommen immer circa 40 Leute“, erzählt er. Nicht immer dieselben – der Kreis wächst.

Das größte Problem, mit dem die jungen Venezianer zu kämpfen haben, ist die Wohnsituation. Venedig ist begrenzt, von Wasser umgeben, Neubauten gibt es kaum. Und für Hauseigentümer ist es wirtschaftlich lukrativer, ihren Wohnraum an Touristen zu vermieten als an Einheimische. „Für eine kleine 40 Quadratmeter-Wohnung, die noch nicht mal gut in Schuss ist, zahlt man hier auf der Insel mehr als 1000 Euro“, sagt Caberlotto. Er hat Glück: Er wohnt direkt an der berühmten Rialto-Brücke – in einem Haus, das seiner Mutter gehört. Der Mitarbeiter einer Film-Produktions-Firma in Maestre zahlt daher keine Miete.

Piero Dri kann sich die Mieten in der Stadt nicht leisten. Der 33-Jährige lebt daher noch bei seiner Familie. Dri hat in Padova Astronomie studiert, hat aber bereits während des Studiums gemerkt, dass das Akademische Leben nichts für ihn ist. Heute steht er in seiner Werkstadt, in der der Duft nach Sägespänen und der beige Staub, der in der Luft hängt, bereits von seiner Arbeit erzählen, bevor er damit beginnt. Dri ist Forcolaio. Er beherrscht damit ein traditionelles Handwerk – er stellt die Gabeln her, die als Halterung und Stabilisierung der Ruder der Gondoliere dienen. Zwischen 150 und 1100 Euro kostet eine Gabel, die er aus einem einzigen Stück Walnussbaumholz fertigt. Außer ihm gibt es noch drei weitere Meister in der Stadt, die diese Kunst beherrschen.

„Ich war schon mit meinem Großvater immer im Boot auf dem Wasser unterwegs“, erzählt Dri seine Verbundenheit zu dem venezianischen Traditionshandwerk. „Die Boote gehören einfach zu der Lebensart dieser Stadt dazu, sie geben ihr so eine natürliche Langsamkeit“, findet Dri. Seit 2013 hat er im Viertel Cannaregio, in einer kleinen Gasse, die von der Strada Nova abgeht, seine eigene Werkstadt. „Ich bin damit einer von denen, die etwas Gutes für Venedig tun“, sagt er ein bisschen schüchtern aber stolz.

Was ihn stört, ist nicht, dass es in Venedig keine Diskothek gibt. „So etwas brauche ich nicht.“ Aber es fehlen immer mehr Geschäfte des alltäglichen Lebens: Schuhmacher, Reinigungen, traditionelle Metzger oder Bäckereien zum Beispiel. „Dafür haben wir an jeder Ecke ein Geschäft mit venezianische Masken oder Handybedarf“, sagt Dri. Eben das, was für die Touristen gedacht ist. „Aber wenn ich zum Beispiel mal ein kreatives Weihnachtsgeschenk kaufen will – da gibt es nur wenige Möglichkeiten. Am Ende ist es doch alles dasselbe, was diese Läden hier verkaufen.“

Auch Piero Dri hat nichts gegen die Touristen. Ganz im Gegenteil. „Wenn eine Person neugierig auf neue und andere Orte ist, dann ist das doch etwas tolles, was man unterstützen sollte“, findet er. Seine Werkstatt zeigt er gerne Fremden, führt sie herum, erklärt ihnen, was es mit seiner Arbeit auf sich hat. „Wir müssen doch den Leuten das richtige, das authentische Venedig zeigen. Nicht das, was wir extra für die Besucher kreiert haben“, sagt Dri. „Nur ein Beispiel: Die Besucher kaufen sich hier ein Brötchen, wenn sie Hunger haben. Warum wird das dann nicht von einem Bäcker vor Ort hergestellt, sondern wird irgendwo eingekauft und aufgebacken?“ Das Verhältnis habe sich in den letzten Jahren umgedreht, sagt Dri: „Wir Venezianer leben in der Welt der Touristen, nicht die Touristen in unserer – das macht doch keinen Sinn.“ Dabei steht Venedig und seine Lagune seit 1987 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

Wie Marco Caberlotto engagiert sich auch Piero Dri für ein besseres Leben in der Stadt. Er ist Teil der Bewegung „25. Aprile“, auch sie ein Zusammenschluss junger Venezianer. Es gibt Dutzende solcher Initiativen, oft stellen sie zusammen etwas auf die Beine. Wie am 12. November, als rund 500 Venezianer aus Protest gegen die Wohnungsnot in der Stadt mit Koffern auf den Rathausplatz zogen, um gegen die Abwanderung zu demonstrieren.

Anders als die Initiativen, die sich in Venedig seit Jahren gegen die hochaushohen Kreuzfahrtschiffe wehren, die direkt an die Lagunenstadt heranfahren, will die „Generazione90“ nicht gegen etwas sein, sondern Vorschläge machen. Caberlotto zählt ein paar auf: So sollte die Stadt Hausbesitzern Anreize dafür geben, an junge Familien zu vermieten statt an Touristen. Steuerliche Vorteile beispielsweise. Oder sie sollte – wie das unter anderem Florenz bereits gemacht hat – mit der Online-Plattform „air b&b“ eine Abmachung treffen, dass die Übernachtungssteuer bereits bei Online-Buchung entrichtet wird. So könnte diese Steuer nicht mehr umgangen werden oder in die eigene Tasche der Vermieter wandern.

Etwas, was sofort umgesetzt werden könnte, wäre die Schließung der Piazza San Marco. Ähnlich wie auf der Piazza San Piero vor dem Petersdom in Rom würden die Touristen nur nach einer Einlasskontrolle auf den Platz gelassen. Vielleicht könnte man sogar Eintritt nehmen – wie in einem Museum. „Wir müssen uns einfach darüber im klaren sein, dass Venedig keine Stadt ist wie jede andere – sie ist sehr fragil und gehört daher extra geschützt“, so Caberlotto. Die Stadt zeige sich zwar offen für die Vorschläge, doch vorwenigen Wochen erst wurde beschlossen, die Zahl der Parkplätze an der Piazzale Roma zu halbieren. „Wenn du aber in Venedig wohnst und ein Auto hast, musst du es quasi hier vor den Toren der Altstadt parken“, sagt Caberlotto. „So eine Politik bewirkt doch genau das Gegenteil – nämlich dass noch mehr Leute hier wegziehen.“

Warum sie nicht auch das Weite suchen? „Die Lagune löst bei mir einfach Heimatgefühl aus“, sagt Piero Dri. „Venedig ist außerdem perfekt gelegen, wir haben sowohl das Meer aber auch die Berge.“ im Prinzip sei es der beste Ort zum Leben. „Weil es Venedig ist“, sagt Macro Caberlotto. Eine Stadt ohne Autos, ohne Metro, ohne Hektik. „Wo du hinwillst, gehst du zu Fuß hin. Und wenn du zu spät dran bist, musst du eben schneller laufen.“

Ein Kommentar

  1. Ich habe Verwandtschaft in der Nähe von Venedig und war dementsprechend schon oft dort. Ich gehöre wohl zu denen, die Venedig lieben und es faszinierend finden. Trotzdem hinterlässt es in mir immer ein komisches Gefühl- in keiner Stadt habe ich den Tourismus so krass erlebt; ein Einheimischer auf dem Wasserbus ist fast schon eine Seltenheit. Und eigentlich gehört es bei einer Städtereise doch dazu, Einheimische zu sehen und auch einen minimalen Einblick in ihr Leben zu bekommen. Das ist in deinem Beitrag wirklich gut formuliert- alles ist Tourismus. Ich hoffe, dass die Stadt da eine Lösung findet.
    Den wahren Puls der Stadt spürt man in den Gassen fernab vom Canale Grande – und da kann man dann auch relativ günstig und authentisch essen. Leider finden wir ein Restaurant aber nie zweimal 😄 Venedig eben.

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