Das Rätsel um Giulio Regeni

Seit einem Jahr ist Italien auf der Suche nach der Wahrheit. Auf gelben T-Shirts steht es in schwarzer Schrift, auf Plakaten und Bannern, die in so manchem Wohnzimmerfenster zur Straße hin hängen, mit Spraydosen an Wände und auf Straßen geschrieben: „Verità per Giulio Regeni – Wahrheit für Giulio Regeni“.Am 25. Januar 2016 war der damals 28-jährige Italiener mit den Zottelhaaren und dem Bart in Kairo verschwunden – neun Tage später, am 3. Februar fand man die Leiche Regenis im Straßengraben an der Ausfallautobahn nach Alexandria. Die ägyptischen Behörden hatten schnell Erklärungen parat: Ein Unfall, vielleicht ein Verbrechen im Schwulen- oder Drogenmilieu. Doch der Körper des Doktoranden, der seit September 2015 in Kairo war, um dort über die ägyptische Sozialbewegung und die Rolle der Gewerkschaften zu forschen, spricht eine andere Sprache: Beide Ohren waren ihm abgeschnitten, die Finger- und Zehennägel herausgerissen worden.

Der Verdacht: Regeni wurde von ägyptischen Sicherheitskräften gefoltert und ermordet. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärt: „Er wurde gefoltert, wie Hunderte ägyptische Aktivisten“. Nachdem ägyptischen Ermittler das monatelang vehement von sich wiesen, krude Erklärungen für die Foltermale die Runde machten und vier des Mordes Verdächtige erschossen wurden, scheint sich der Anfangsverdacht der Folter nun auch in Kairo langsam zu erhärten.

Rückblick: Der Fall schlägt Anfang vergangenen Jahres in Italien riesige mediale Wellen. Am 25. Februar, einen Monat nach Regenis Verschwinden, findet die erste große Demonstration statt. Die Öffentlichkeit fordert Aufklärung – wie auch der italienischen Staat. Doch die Zusammenarbeit mit den ägyptischen Behörden ist mehr als holprig. Auch die politischen Beziehungen zwischen den Ländern verschlechtern sich über den Fall Regeni.

Die ägyptischen Ermittler bestreiten die Verstrickung der Sicherheitskräfte. Es handele sich um ein Missverständnis, erklärt der ermittelnde Staatsanwalt Hassan Nassar Anfang März der Zeitung „la Repubblica“. Die Gerichtsmedizin hätte der Leiche verschiedene Körperteile abgetrennt, um zu untersuchen, ob Regeni vor seinem Tod in einen Kampf verwickelt war. Darunter die Nägel und die Ohren. Eine Ursache für die Verbrennung an der linken Schulter des Opfers sei aber noch nicht gefunden worden. Es handele sich um einen „Mord ohne Motiv“.

Doch in Italien lassen sowohl Medien als auch Politiker wenig Zweifel daran, dass sie dieser Version keinen Glauben schenken. Wurde Regeni umgebracht, weil er mit oppositionellen Gruppen in Verbindung gestanden haben soll? Ende März präsentieren die Kairoer Ermittler ihre nächste Lösung des Falls: Regeni ist einer Bande, die auf die Entführung von Ausländern spezialisiert ist, zum Opfer gefallen. In einem Schusswechsel mit ägyptischen Sicherheitskräften sind am 24. März alle vier Mitglieder der Bande getötet worden, wie das Innenministerium bekannt gibt.

Aber Rom gibt sich nicht zufrieden. Zeugen sollen von einer Festnahme Regenis berichtet haben. Im April kommen italienische und ägyptische Ermittler erstmals in Rom zusammen. Bei dem zweitägigen Treffen werden den Italienern die Ermittlungsergebnisse präsentiert. Was das 2000 Seiten starke Dossier nicht enthält: Die Daten von Regenis Mobiltelefon, eine Liste mit den Kontakten des jungen Soziologen und die Videoaufnahmen der Metrostation, in der Regeni am Tag seines Verschwindens gewesen sein soll. Die Herausgabe dieser Daten verletze die ägyptische Verfassung und das Telekommunikationsgesetz des Landes, heißt es zur Begründung. Man sei ja aber auf 98 Prozent der Forderungen aus Italien eingegangen.

Das Treffen wird ohne Ergebnis abgebrochen, Italien holt sogar kurzzeitig seinen Botschafter aus Kairo zurück. Von Sanktionen ist die Rede, von einer Herabstufung der diplomatischen Beziehungen – doch Ägypten ist ein wichtiger Partner für Italien, vor allem was die gewünschte Stabilisierung Libyens angeht. Es wird etwas ruhiger um den Fall.

Ein Jahr ist es nun her, dass die verstümmelte Leiche Regenis in Kairo gefunden wurde. Seitdem hat es weitere Treffen der ermittelnden Staatsanwaltschaften von Rom und Kairo gegeben. Immer mehr Details treten dabei zu Tage, die vor allem den römischen Staatsanwalt Sergio Colaiocco nicht müde werden lassen, weiter nach der Wahrheit zu suchen. Beim vorletzten Treffen im September kam es zu einer Art Durchbruch: Staatsanwalt Nabil Sadek räumte eine Rolle der ägyptischen Sicherheitskräfte ein: Es stehe nun fest, dass Regeni wenige Wochen vor seinem Tod auf dem Radar der Polizei stand.

Im Fokus der Ermittler steht wohl nun ein gewisser Mohamad A., einer der führenden Köpfe der autonomen Gewerkschaft der Straßenhändler, mit dem sich Regeni wohl öfters getroffen hat. Er soll Regeni bei der Polizei gemeldet haben. Sogar Videomaterial habe er den Sicherheitsbehörden übergeben, gefilmt mit einer versteckten Kamera bei einem Treffen mit dem italienischen Doktoranden. Die räumen auch ein, das Video erhalten zu haben, bestreiten aber eine engere Zusammenarbeit mit A. Da auf dem Video auch nichts Verfängliches von Regeni zu hören sei, habe man sich nicht weiter mit dem Italiener befasst.

Doch laut den Ermittlungen aus Rom, so berichtet das Wochenmagazin „l’espresso“ vor wenigen Tagen, gab es bis zum 14. Januar telefonischen Kontakt zwischen Gewerkschaftsmann A. und der Zentrale der Nationalen Sicherheit. A. habe die auch bestätigt. Er habe Regeni nicht mehr selbst kontaktieren, sondern abwarten sollen. Regeni habe A. dann tatsächlich am 22. Januar angerufen und nach dem Kontakt zu einem ägyptischen Journalisten gefragt, der als Experte in Gewerkschaftsfragen gilt. Ein Treffen mit diesem sei für den 26. Januar arrangiert worden.

Giulio Regeni ist dort nie aufgetaucht. Seine Spur verliert sich am Vorabend. Die Wahrheit über sein Verschwinden und seinen grausamen Tod ist auch ein Jahr danach noch nicht gefunden. Aber zumindest scheint man sich ihr nun langsam anzunähern. 

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