Ein langer Weg

Das Schild mit dem roten Schriftzug „Simply-Market“ hängt noch an dem Haus am Anfang des Corso Umberto I. Nur wenige Stunden nach dem schweren Erdbeben vom 24. August, das nahezu die gesamte Altstadt von Amatrice in Schutt und Asche gelegt hat, brachten Helfer Wasser, Brote, Chips und Kekse aus dem kleinen Supermarkt und verteilten sie an diejenigen, die sich in der Nacht rechtzeitig aus ihre Häusern gerettet hatten. An diejenigen, die nun verloren auf der Piazza Antonio Serva standen und stumm darauf warteten, ein Lebenszeichen von ihren Angehörigen zu erhalten.

Den Supermarkt gibt es heute nicht mehr. Das Haus steht nur noch zur Hälfte, stützt sich in einem 45-Grad-Winkel auf seine eigenen Trümmer. Das zweite schwere Erdbeben des vergangenen Jahres, das am 30. Oktober Mittelitalien erschütterte und auch die Stadt Norcia quasi unbewohnbar machte, hat nahezu alle der wenigen noch stehenden Häuser Amatrices endgültig in die Knie gezwungen. Allein der Campanile Centrale ragt ein paar Meter weiter aus der Zona Rossa, der Sperrzone, wie ein Mahnmal aus den Trümmern heraus. Die Zeiger der Uhr stehen noch immer auf 3.36 Uhr. Die Minute, in der die Erde vor einem halben Jahr Amatrice und das Leben seiner Einwohner zerstörte.

Die einstige Altstadt dürfen auch heute noch lediglich die Einsatzkräfte betreten. „Ich war seit fast einem halben Jahr nicht mehr dort“, sagt Sergio Pirozzi, der Bürgermeister von Amatrice. Er sitzt in seinem provisorischen Büro in einem Container nur wenige Meter von der Zona Rossa entfernt und hält kurz inne, bevor er weitererzählt. Am 24. August sei er dort gewesen. Dann noch einmal ein paar Tage später, als der Verteidigungsminister die Lage vor Ort besichtigt hatte. „Da wurde mir schlecht“, sagt er und schluckt. Seitdem habe er die Sperrzone nicht mehr betreten. „Ich habe dort Freunde verloren.“

298 Menschen sind bei dem Beben der Stärke 6,2 am 24. August ums Leben gekommen, die meisten von ihnen in Amatrice. Bis heute wackelt die Erde in den Regionen Latium, Marken, Abruzzen und Umbrien nicht beruhigt. Die letzten vier schweren Bebend waren am 18. Januar. Italien hat vor wenigen Tagen eine Schätzung des Gesamtschadens veröffentlicht: 23,5 Milliarden Euro.

Cristina steht hinter dem Tresen der einzigen Bar in Amatrice. „Nach sechs Monaten ist es hier schlimmer als vorher“, sagt sie. „Sie haben ja noch nicht mal angefangen, den Schutt wegzuräumen. Es ist ein Desaster.“ Die 40-Jährige ist eine von rund 600 Einwohnern, die Amatrice nach dem Beben nicht verlassen haben. 3000 Menschen waren obdachlos geworden. Die meisten von ihnen wohnen noch heute in Zwischenlösungen, in San Benedetto oder L’Aquila oder in Hotels an der Adriaküste. Geblieben sind vor allem Bauern, die in Provisorien bei ihren Tieren wohnen. Und Cristina. Sie wohnt in einem der Häuser, die außerhalb der Sperrzone stehen und von den Behörden als sicher deklariert wurden.

Die Bar hat Cristinas Chef Fabio Magnifici Ende September nur wenige Meter vor dem Eingang in die Zona Rossa eröffnet. Sie sollte ein Treffpunkt werden, ein Bezugspunkt für diejenigen, die geblieben waren. Doch Cristina macht ihren Kaffee vor allem für die rund 300 Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz und Militär. Einwohner trifft man in Amatrice kaum.

Die Hauptaufgabe sei die Kontrolle der noch stehenden Häuser, sagt Fabrizio Cola, der Leiter des Einsatzzentrums für Amatrice und Accumoli. Doch die gleicht einer Sisyphusarbeit. „Wir fangen nur nach jedem schweren Beben immer wieder von vorne an“, sagt Cola. Dazu kam der viele Schnee, der die Region wochenlang lahmlegte – und die Einsatzkräfte forderte. Viele der Männer, die in Amatrice tätig sind, wurden an die Unglücksstelle am Gran Sasso beordert, wo eine Lawine am 18. Januar das Hotel Rigopiano unter sich begraben und 29 Menschen das Leben genommen hatte.

Gründe auch dafür, warum auch noch niemand in den einstöckigen terrakottafarbenen Fertighäusern wohnt, die bereits am Rande der Altstadt stehen. 32 Familien sollen hier bald leben. „Manche wollten auch schon einziehen“, erzählt Bürgermeister Pirozzi. „Ich habe Nein gesagt. Sie ziehen erst ein, wenn alles fertig ist.“ Das Militär ist dabei, das Gelände anzulegen.

Gepflasterte Straßen soll es geben, Pflanzen sollen die Wege säumen. Die große Herausforderung, so Pirozzi, sei nämlich nicht der materielle Schaden – „sondern der psychische“. Würden die Menschen jetzt einziehen, würden sie sich weiter wie die Opfer des Erdbebens fühlen, fürchtet er. Das Schlimmste an der Situation sechs Monate nach der Katastrophe sei der Schmutz, so der Bürgermeister. „Die Menschen gewöhnen sich an den Dreck, an die Zerstörung – und werden dadurch zu Tieren.“ Deshalb habe er wenigstens die Straßen frei, den Schutt zur Seite räumen lassen. „Liegt überall Dreck rum, fängt man irgendwann an, seinen Müll einfach dazu zu werfen.“ Pirozzi versucht alles, die Moral so gut es geht hochzuhalten. Er mache sich im Grunde auch keine Sorgen. „Ja, wir müssen die Ärmel jetzt hochkrempeln. Aber warum sollten wir es nicht schaffen?“

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