„Männer sollten vor allem menschlich sein“

 

Ich habe mit der Autorin Dacia Maraini gesprochen: Über Frauen, Verbrechen und Donald Trump…

Frau Maraini, sie gelten nicht nur als Grande Dame der italienischen Literatur, sie setzen sich auch vehement für die Rechte der Frauen ein. Seit ein paar Jahren ist das Phänomen des Feminicidio, also die Tötung von Frauen durch deren Partner oder Ex-Partner, in Italien ein Dauerthema. Was läuft falsch in der italienischen Gesellschaft?

Das Phänomen des Feminicidio gibt es weltweit – nicht nur in Italien. Ich glaube, es ist eine Reaktion auf die heutige Unabhängigkeit der Frauen. Es gibt leider Männer, die sich mit einem veralteten Männerbild identifizieren, das sich auf die Idee des Besitzes stützt. Ich liebe dich – also gehörst du mir, so die Theorie dahinter. Diese Morde, die wir mit Feminicidio einen, passieren innerhalb der Familie, die Täter sind der Ehemann, der feste Freund oder der Liebhaber, die eine Frau als ihr Eigentum ansehen.

Und diese Männer kommen nicht damit klar, wenn ihre Frau einen eigenen Kopf hat?

Genau. Sobald die Frau den Wunsch nach Eigenständigkeit äußert, arbeiten will, ausgehen will, reisen will, beginnt für diesen Typ Mann die Krise. Er verliert seine Privilegien, die er glaubt als Mann zu haben, das Privileg des Besitzes und das der Dominanz. Das ist eine alte Art des Denkens, ein Problem der Mentalität, nicht des Geschlechts. Männer sind nicht von Natur aus gewalttätig, sie sind es erst, wenn sie dieses Konzept des Eigentums für sich in Anspruch nehmen. Dieser Typ Mann dreht durch, wenn seine Frau unabhängig sein will. Die Angst wird so groß, dass sie ihn tatsächlich auch zum Mörder machen kann. Er zieht es vor, seine Frau zu umzubringen, dafür 30 Jahre ins Gefängnis zu gehen, anstatt die Freiheit der Frau zu akzeptieren.

Ist das ein Problem von Bildung und Erziehung?

Die Erziehung ist der Grundstein dieses Eigentum-Konzeptes. Wenn wir uns erinnern: Selbst das Gesetz hat noch bis zum Ende des letzten Jahrhunderts dieses Besitz-Konzept legitimiert. Das Gesetz zum Ehrenmord wurde erst 1981 abgeschafft. Und bis in die 1990er Jahre konnte ein Frau ins Gefängnis wandern, wenn sie ihren Mann betrog. Andersherum hatte der Mann nichts zu befürchten. Wir leben heute in einer demokratischen, fortschrittlichen und emanzipierten Gesellschaft. Dennoch: Diese Formen der Unterdrückung sind noch immer aktuell. In Italien gab es im vergangenen Jahr mehr al 120 solcher Tötungsdelikte innerhalb einer Beziehung – das heißt im Durchschnitt wurde alle zwei bis drei Tage eine Frau von ihrem Partner umgebracht.

Obwohl die Gesetzte heute andere sind.

Es ist weitaus schwerer die Mentalität zu ändern als ein Gesetz. Und man muss auch bedenken: In Italien hat die katholische Kirche eine große Präsenz, und auch sie hat viele Jahrhunderte lang die patriarchalische Familienform lanciert. Es sind soziale, kulturelle und geschichtliche Faktoren, die da zusammenspielen.

In Ihrem neuen Roman „Das Mädchen und der Träumer“, das gerade auch auf Deutsch erschienen ist, ist der Ich-Erzähler ein Mann. Es war das erste Mal, dass sie aus Sicht eines Mannes geschrieben haben. Sie sind nun 80 Jahre alt – war das schwer für Sie?

Ich hatte gedacht, es würde schwieriger. Aber wenn man sich einen Mann vorstellt, der nicht in diesen männlichen Stereotypen gefangen ist, sondern einen Mann, der in einer Krise ist, der Probleme, der Zweifel hat. Nein, das war nicht schwer, denn er ist einfach ein Mensch.

Er ist Grundschullehrer, der einsam ist und den der Wunsch nach Vaterschaft quält. Ist er der Gegenspieler zu dem Typ Mann, über den wir zu Beginn gesprochen haben?

Ja. Meiner Ansicht nach lassen viele Männer diesen Wunsch nach Vaterschaft nicht zu. Sie unterdrücken ihn. Weil es für sie eine weibliche Angelegenheit ist. Aber er, er sagt es. Er hat den Mut, die Ernsthaftigkeit. Und dieser Wunsch wirkt sich auch auf sein Leben aus – er fühlt sich verbunden mit einem Mädchen, das verschwindet und will sie retten. Ich mag die Menschlichkeit dieser Figur. Ich finde, Männer sollten vor allem menschlich sein. Nicht einem Stereotyp folgen, der nur in der Theorie existiert. Der Mann, der immer stark ist, immer selbstbewusst – den gibt es nicht. Im richtigen Leben ist man nun einmal voller Zweifel, voller Fragen. Sowohl als Frau als auch als Mann.

Am 25. November, dem internationalen Tag gegen die Gewalt an Frauen, fand in Rom wieder eine große Demonstration statt – haben Sie auch teilgenommen?

Ja, selbstverständlich. Wann immer ich kann, mache ich mit. Und es ist auch eine Freude zu sehen, wie viele Menschen sich versammeln. Seit der Hochzeit des Feminismus gab es nicht mehr so viele Demonstrationen auf den Straßen und den Plätzen. Ich hoffe, dass diese Bewegung weitergeht. Nicht nur in Italien. Auch, dass nach der Wahl von US-Präsident Donald Trump so viele Frauen auf die Straße gehen, ermutigt mich. Er will die Rechte der Frauen beschneiden, angefangen bei den Regelungen zur Abtreibung. Und die Frauen wehren sich dagegen. Das ist das einzig Gute an diesem Trumpismus: Dass er eine starke Reaktion hervorruft.

 

ZUR PERSON: Dacia Maraini
Am 13. November 1936 in Fiesole bei Florenz geboren
1938 übersiedelte die Familie wegen eines Forschungsstipendiums des Vaters nach Japan. Dort wurde die Familie im Zweiten Weltkrieg nach der italienischen Kapitulation zwei Jahre lang in einem japanischen Konzentrationslager interniert. 1946 kehrt die Familie nach Italien zurück.
Mit 18 Jahren zieht Maraini nach Rom, studiert Literatur.
Mit 21 Jahren gründet sie die Zeitschrift „Tempo di lettura“ und verkehrt in den Kreisen der Gruppo 63.
1962 erscheint ihr erster Roman „La vacanza“.
Maraini zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Italiens.

 

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