Schräge Töne

Wieviele unterschiedliche Töne es auf der Welt gibt, wird einem erst klar, wenn man der Probe des „Coro degli Stonati“ in Mailand beiwohnt. Dabei geht es gerade nur um das eingestrichene a. Die Chorleiterin Maria Teresa Tramontin gibt es vor – mit klarer und bestimmter Stimme. Die Antwort des Chores: 56 Variationen.

Im „Coro delgi Stonati“ des Sinfonieorchesters Giuseppe Verdi in Mailand, kurz LaVerdi, kommen Falschsinger zusammen. Sie sangen bisher unter der Dusche, im Auto oder auch mal bei einem Spaziergang in der freien Natur – aber nur, wenn sie keiner gehört hat. „Ich habe einfach eine Leidenschaft für Musik und habe auch immer gerne gesungen“ sagt Lucilla Ubertalli, nach den Proben. „Nur fand ich das selbst immer furchtbar.“ Ubertalli ist seit Oktober Mitglied der Chors der Falschsingenden – und von der Methode begeistert. „Hier können alle nicht singen, dadurch verliert man schnell seine eigenen Hemmungen und Ängste. Heute singe ich sogar manchmal auf der Straße vor mich hin“, so die 65-Jährige. Und das Wichtigste: „Es macht Spaß.“

Das italienische Wort „stonati“ ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. „Das sind Personen, die von sich denken, dass sie falsch singen“, erklärt Chorleiterin Tramontin. In den meisten Fällen treffe das aber gar nicht zu. „Viele sind es nur nicht gewohnt, richtig hinzuhören. Sie hören die Musik, aber sie haben nicht gelernt, sie mit dem Teil des Gehirns aufzunehmen, der es ihnen erlaubt, diese Töne selbst wiederzugeben.“
Den Coro degli Stonati gibt es seit sechs Jahren. Aktuell sind 280 Sänger eingeschrieben, verteilt auf vier Chorgruppen. Die Neuanmeldungen steigen jedes Jahr und jede Saison schließt mit einem Konzert. Vergangenes Jahr kamen rund 1400 Besucher, um den Falschsingern zu lauschen.

Die Idee für diesen speziellen Chor stammt vom Ex-Direktor des LaVerdi Luigi Corbani. „Er hat immer gesagt: Es gibt eigentlich keine Stonati“, erzählt Tramontin. Der Stonato sei eher derjenige, der das Singen nicht gewohnt ist. „In Italien ist es nicht wie in Deutschland oder England, wo früh Wert auf musikalische Erziehung gelegt wird, wo schon kleine Kinder im Kindergarten zum singen und Instrumente spielen animiert werden“, so Tramontin. Heutzutage gebe es zwar schon ein größeres Angebot an musikalische Schulen. Aber diejenigen, die in diesen Chor kommen, kennen so etwas nicht. Die meisten Teilnehmer sind älter als 50.

„In der Schule haben sie mir gesagt, ich könne es nicht, ich solle bitte still sein“, sagt Grazia Orlando (62). Genau darin liege das Tragische, so Tramontin, deshalb sei ihre Arbeit als Chorleiterin der Stonati nicht nur musikalischer sondern auch psychologischer Natur. „Wenn man einem Kind sagt: Lass das, das kannst du nicht, dann wird sein eigentlich vorhandene Interesse peu a peu zurückgehen und verschwinden.“

Um dieses Interesse wiederzuerwecken hat Corbani die Mezzosopranistin des Sinfonischen Chors des LaVerdi gebeten, diesen Chor aufzubauen. „Ich hatte bereits im Gefängnis gearbeitet als Leiterin eines Chores Verurteilter und Drogensüchtiger. Ich bin auch die Leiterin des Chors der Voci Bianchi dieses Hauses, in dem die acht bis 18-Jährigen singen“, erzählt die ausgebildete Sängerin und Musiktherapeutin und lacht: „Warum kriege ich eigentlich immer die schwersten Fälle?“

Doch das Angebot wird dankbar aufgenommen: Zur ersten Probe kamen bereits 60 Interessierte. In der aktuellen Saison, die im Oktober begonnen hat, haben sich 110 Nicht-Sänger neu eingeschrieben. Aber, so Tramontin, „es ist auch wirklich schwer. So, als würde man einem 45-Jährigen, der noch nie in seinem Leben Sport gemacht hat sagen, er solle einen Hürdenlauf machen.“ Die wichtigste Lektion: Zuhören. „In dem Moment, in dem ich ihnen den Ton vorgebe singen sie gleich los. Sie nehmen sich nicht die Zeit dafür, dass der Ton im Gehirn ankommen und sagen kann: So klinge ich.“

Rita Buttau erzählt, dass sie furchtbare Angst hatte, zu singen, obwohl es ihr eigentlich schon immer gefallen hat. „Der Begriff Stonati passt perfekt auf mich, ich fange komplett bei null an“, sagt die 64-Jährige. Die Maestra, die Chorleiterin, mache es ihr aber sehr einfach. Und durch das Singen habe sich auch ihr Horizont erweitert. „Früher war ich von Beruf Pflegerin“, sagt sie und fügt sichtlich stolz hinzu: „Heute bin ich Sängerin.“ Am 17. Juni wird auch sie beim Saison-Abschlusskonzert der Falschsinger auf der Bühne des LaVerdi in Mailand stehen. Bis dahin üben die Stonati noch ein bisschen mit ihrer Maestra.

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