Bluttat 

Vor fast einem Jahr hat die Nachricht noch geschockt: Ein Mann tötet seine Frau. Die Motive: Eifersucht, Besitzansprüche, Ehrverlust. Er sitzt lieber im Gefängnis, als von ihr verlassen zu werden. Heute sind diese Zeilen oft nur noch Randnotizen im eigenen Bewusstsein. Sie erscheinen zu oft. Mehr als 120 solcher Taten gab es im Jahr 2016, das heißt, dass im Schnitt alle zwei bis drei Tage eine Frau in Italien von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird. Das Phänomen hat hier seit langem auch schon einen Namen: Feminicidio. Nach fast einem Jahr schafft es plötzlich doch wieder eine Nachricht, diesen Schock auszulösen. Es ist nicht die Zeitungsüberschrift, es ist nicht der Bericht im Fernsehen. Es ist die SMS der Freundin. Sie sagt das geplante Abendessen ab. Zu traurig, zu entsetzt, zu viel. Die Fassungslosigkeit der Freundin wird mit dem Signalton des Handys von einer Sekunde auf die andere zur eigenen.

Michela war Lehrerin an der Deutschen Schule in Rom, genau wie die Freundin. An diesem Tag steht ein Tisch im Foyer der Schule, darauf ein Foto von Michela, „Frau Di Pompeo“, wie sie von den Schülern genannt wurde. Sie haben Blumen und Briefe an ihre Lehrerin hier abgelegt, eine Email-Adresse eingerichtet, an die man seine Gedanken schicken kann. 10 Jahre lang hat Michela hier unterrichtet. Auch die Freundin wird etwas für ihre Kollegin schreiben: Über die Frau mit dem strahlenden Lächeln, die so optimistisch war und immer für die Rechte Schwächerer gekämpft hat. „Was am meisten wehtut, ist, dass ausgerechnet sie, die so engagiert war im Kampf gegen Gewalt und die ihre Schüler für dieses Thema so sensibilisiert hat, nun durch die Hand dessen getötet wurde, der sagte, dass er sie liebte.“

Die Nachricht steht in der Zeitung, flimmert über die Bildschirme, als Randnotiz: Die Polizei fand sie im Bett. Ihr Schädel wurde mit einer Hantel eingeschlagen. Ob im Streit oder während sie schlief ist noch unklar. Der 55-Jährige Täter stellte sich sofort nach der Tat der Polizei. Zitternd. Sie habe ihn verlassen wollen. 

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