Wenn Besucher lästig werden

In Italien wurden im Jahr 2016 etwa 52 Millionen ausländische Touristen gezählt. Ein Prozent mehr als im Vorjahr – und 55 Prozent mehr als noch im Jahr 2001. Zahlen, unter denen manche Städte fast erstickt werden. Denn dazu kommen noch die Besucher aus dem eigenen Land – nur wenige Italiener machen im Urlaub eine Auslandsreise. Warum auch in die Ferne schweifen, wenn die Heimat doch so viel zu bieten hat. Noch. Denn die immer weiter wachsenden Besucherströme gefährden die schützenswerten Sehenswürdigkeiten. Einige Städte und Regionen in Italien haben bereits Maßnahmen ergriffen, um den Besuchermassen Herr zu werden. Ein Überblick:

Rom

In Rom werden die vielen Touristen zunehmend als Ärgernis angesehen. Oft genug hat man sie schließlich schon dabei beobachtet, wie sie trotz zahlreicher Verbotsschilder in einem der prunkvollen Brunnen der Stadt ihre geschundenen Füße erfrischt haben – wenn nicht noch mehr Teile ihrer erhitzten Touristenkörper. Dass historische Brunnen von Künstlern wie Gian Lorenzo Bernini (zum Beispiel der Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona) zu Schwimmbädern degradiert werden, versetzt den sonst so freundlichen und offenherzigen Römer in Rage. Wenn es um seine Stadt geht, kennt er kein Pardon.

Mit einer neuen Verordnung will die Römische Stadtverwaltung nun dem respektlosen Treiben ein Ende setzen: In den Sommermonaten (Anfang Juli bis Ende Oktober) werden Strafen von 40 bis 240 Euro fällig, wenn man sich ein Bad in einem von rund 20 besonders zu schützenden Brunnen gönnt. Aber auch wer sich auf den Beckenrand setzt, etwas verzehrt, wer seine Tiere oder Kleidung in dem Wasser wäscht oder seinen Hund daraus trinken lässt, muss mit einer saftigen Strafe rechnen.

Am bekanntesten Brunnen der Stadt, dem Trevibrunnen, soll es außerdem bald eine Zugangsbegrenzung und ein Leitsystem geben, mit dem die Besucher an der Sehenswürdigkeit vorbeigeschleust werden. Panino und Eis essen kann man schließlich auch woanders. Allerdings nicht mehr wie früher auf der Spanische Treppe: Seit deren Wiedereröffnung nach einer monatelangen Säuberungsaktion im vergangenen September achten Sicherheitsleute rund um die Uhr darauf, dass dort weder gegessen noch getrunken geschweige denn geraucht wird.

Florenz

Das Campieren und Vespern auf den Treppen der Kirchen und Plätze ist auch der Stadtverwaltung in Florenz schon lange ein Dorn im Auge. Eine Zugangsbeschränkung oder gar Obergrenze für Touristen, wie sie seit einiger Zeit unter dem Schlagwort „numero chiuso“ in der italienischen Politik diskutiert wird,  heißt man in der Rennaissance-Stadt am Arno nicht gut.

Stadtdessen wolle man zu „freundlicheren Maßnahmen“ greifen, so Bürgermeister Dario Nardella. In Florenz versteht man darunter: Ran an den Wasserschlauch. In diesem Sommer werden die am meisten bevölkerten Stufen, beispielsweise die vor der Kirche Santa Croce oder vor dem imposanten Dom im Innersten des historischen Stadtzentrums, in regelmäßigen Abständen mit Wasser abgespritzt. Damit soll verhindert werden, dass sich die Besucher dort zu einem Mittagshäppchen niederlassen.

Venedig

Wie das Zentrum von Florenz zählt auch die Lagune von Venedig zum UNESO-Weltkulturerbe. Doch auch hier übersteigt die Zahl der Besucher bereits die der Tauben auf dem Markusplatz bei weitem.

Daher wird nun überlegt, ein Ticketsystem für den Besuch des Platzes aus dem 9. Jahrhundert einzuführen. Venezianer und Angestellte der Betriebe auf dem Platz dürften weiterhin frei passieren. Über die Modalitäten ist man sich noch nicht ganz einig: So wird über den Ticketpreis noch diskutiert – fünf Euro stehen im Raum. Auch soll die Maßnahme nur für bestimmte Stoßzeiten gelten: Wochenende mit Brückentagen oder bestimmte Uhrzeiten. Festgelegt nach den erwarteten Besucherzahlen.

Die bisher keiner so genau kennt. Gezählt werden nämlich nur die Hotelübernachtungen (10 Millionen Pro Jahr) – dabei kommen die meisten Besucher nur für einen Tagesausflug in die Lagunenstadt und verlassen diese nach wenigen Stunden schon wieder. Geschätzt kommen 30 Millionen Besucher jedes Jahr nach Venedig. An drei Brücken, die über den Rio Novo in die Lagune hineinführen, sollen nun Personenzähler aufgebaut werden – die Besucher werden entweder über klassische Drehkreuze oder über ihre Smartphones gezählt.

Um den 53000 Tonnen Müll Herr zu werden, den die Touristenhorden jährlich hinterlassen, hat Venedig vor wenigen Wochen bereits ein Fast-Food-Verbot erlassen. Ende Juni sollen außerdem hundert zusätzliche Polizisten dafür sorgen, dass sich die Besucher angemessen verhalten: Verboten ist es, mit nacktem Oberkörper durch die Stadt zu laufen, Tauben zu füttern oder in die Kanäle zu springen.

Cinque Terre

Wer auf den Wanderwegen der Cinque Terre unterwegs ist, steht viel. Nicht um die Aussicht aufs Ligurische Meer zu genießen, sondern um den Gegenverkehr durchzulassen. Die Regionalzüge, die die fünf Orte Monterosso al Mare, Vernazza, Corniglia, Manarola, Riomaggiore verbinden, sind randvoll mit Touristen. 2,5 Millionen Besucher kommen jährlich, Tendenz steigend. Sie sind nicht nur eine Gefahr für die Natur und für den Erhalt der alten Orte und Pfade, die diese verbinden, sie sind auch ein Sicherheitsproblem: Schon öfter kam es zu Unfällen auf den Wanderwegen an der Steilküste.

2002 hat die Region daher die Notbremse gezogen: Um auf dem beliebtesten und bekanntesten Cinque-Terre-Wanderweg Monterosso-Riomaggiore lustwandeln zu können, braucht man nicht nur etwa viereinhalb Stunden Zeit und eine gewisse Wanderlust, sondern auch eine Eintrittskarte.

Seit Anfang Juni dieses Jahres gibt es außerdem eine App, die herunterladen kann, wer die Besuchersteuer für die Cinque Terre entrichtet hat. Sie zeigt den Auflüglern für drei der beliebtesten Wanderwege mit Hilfe eines Ampelsystems an, ob der gewünschte Weg gerade mal wieder überfüllt und damit die Obergrenze von 400 Personen erreicht ist.

Von 2018 an sollen auch die fünf Orte, die ebenfalls aus allen Nähten zu platzen drohen, von der Technik profitieren. An strategischen Punkten, wie Unterführungen an Bahnhöfen, werden Geräte zum Zählen der Besucher aufgestellt,  die Daten an die Bahnhöfe der anderen Städte und la Spezia weitergeleitet. Die Touristen können dann entscheiden, ob sie warten wollen, bis sich der Andrang gelegt hat, oder ob sie lieber einen anderen der Orte besuchen wollen. Die Region setze damit auf eine „weiche“ Lösung. Von einer Obergrenze oder Verboten hält man auch hier nichts.

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