Di Maio und die sieben Zwerge

Das V-Wort ist in Italien so etwas wie das F-Wort in den USA. Man sagt es nicht, und wenn, dann deutet man es höchstens an. Das lernt in Italien jedes Kind und jeder Zugezogene. Verwirrung kann hier nämlich schnell entstehen: Denn genau auf diesem V-Wort basiert die aktuell in den Umfragen stärkste politische Kraft Italiens. Die Fünf-Sterne-Bewegung gründete sich vor zehn Jahren, nicht etwa auf einem Parteitag, sondern auf ihrem selbst ins Leben gerufenen „V-Day“. Zur Erklärung: „Vaffanculo“ heißt so viel wie „Leck mich am Arsch!“. Dafür steht das V, das noch heute in „MoVimento 5 Stelle“ großgeschrieben wird. Und für „Vittoria“, für „Sieg“.

Siegen will nun auch Luigi Di Maio. Der Jungstar der Bewegung wird wohl an diesem Samstagabend in Rimini bei der dreitätigen Versammlung der Bewegung zum Spitzenkandidaten für die kommenden nationalen Wahlen gekürt. Diese werden spätestens im Frühjahr 2018 stattfinden. Der 31-jährige gilt quasi als gesetzt. Außer ihm stehen noch sieben andere aus der Bewegung zur Wahl – allerding keiner aus der vordersten Reihe. Der Autor und Sozialdemokrat Gero Grassi kommentierte süffisant: „Es sind sieben. Wie die Zwerge von Schneewittchen.“ Auch viele Mitglieder der Fünf Sterne haben bereits über Facebook ihrem Unmut über die aktuelle Abstimmung Luft gemacht. Von einer Wahl wie in Nordkorea ist unter anderem die Rede.

Dass die Bewegung und damit Chef Beppe Grillo den jungen Di Maio ins Rennen schicken wird, wird schon lange vermutet. Grillo selbst darf nicht für ein politisches Amt kandidieren –  er ist wegen fahrlässiger Tötung vorbetraft.  Dabei könnten sich der Komiker und der Fast-Kandidat kaum mehr unterscheiden. Der 69-jährige Kopf der Bewegung fällt gerne durch lautes Gezeter und zugespitzte Äußerungen auf. Di Maio hingegen tritt konservativ und bieder auf, wirkt gut erzogen und bleibt in seiner Argumentation ruhig und besonnen. Der 31-Jährige stammt aus Neapel, hat sein Jurastudium nie abgeschlossen und zog 2013 für die Fünf-Sterne-Bewegung ins Parlament ein, dem er als Vizepräsident vorsitzt – er ist der jüngste auf diesem Posten in der Geschichte der italienischen Republik.

Etwa 130.000 auf der online-Plattform Rousseau registrierte Mitglieder der Fünf Sterne sind nun aufgerufen, ihren Kandidaten zu wählen. Auch andere Beschlüsse werden bei den Cinque Stelle auf diese Weise gefällt. Parteitage gibt es keine. So soll direkte Demokratie gelebt werden. Doch wie demokratisch diese Art der Online-Abstimmung wirklich ist, weiß keiner so genau. Virginia Raggi reichten zur Kandidatur für die Bürgermeister-Wahl in Rom 1764 Ja-Klicks. Die Plattform Rousseau wird von der Firma „Casaleggio Asscociati“ betrieben, der bis zu seinem Tod 2016 der Mitbegründer der Fünf Sterne Gianroberto Casaleggio vorsaß. Heute leitet sie dessen Sohn Davide. Die Daten der Abstimmungen sind im Besitz dieser Firma.

Aktuell hat die Bewegung außerdem mit ihrem Kandidatur-Verfahren für die Wahlen in Sizilien Anfang November zu kämpfen. Die Auswahl der Listen-Kandidaten wurde vor wenigen Tagen von einem Gericht gestoppt. Ein Aktivist, der zuvor von der Kandidatur ausgeschlossen worden war, hatte Einspruch erhoben und Recht bekommen. Die Bewegung will nun ihrerseits Einspruch einlegen. Welche Liste und welche Kandidaten nun am 6. Oktober für die Wahlen in Sizilien präsentiert werden, bleibt spannend. Und auch in der Vergangenheit hatte es Querelen um die Onlineabstimmung gegeben: Als Grillo der über die Online-Plattform ausgewählte Bürgermeister-Kandidat für seine Heimatstadt Genua nicht passte, kürte er einfach seinen Favoriten Luca Pirondini. „Manche werden das nicht verstehen“, schrieb Grillo damals auf seinem Blog, dem Haupt-Kommunikationsmedium der Fünf-Sterne-Bewegung, um noch hinzuzufügen: „Aber vertraut mir.“

Das interessante: Das tun tatsächlich noch immer viele Italiener. Die Fünf-Sterne-Bewegung bedient Themen sowohl aus dem linken als auch aus dem rechten Themen-Spektrum. Sie fordert einerseits ein bedingungsloses Grundeinkommen, hetzt andererseits gegen Flüchtlinge und Migranten. Sie scheint denjenigen eine Heimat zu bieten, die sich seit dem Aus der Democrazia Cristiana, der katholisch konservativen Partei der Mitte, die zwischen 1945 und 1993 fast alle Ministerpräsidenten Italiens stellte, politisch nicht mehr aufgehoben fühlen. Mit der Zerschlagung der Partei durch die so genannten Manipulite-Ermittlungen und die Entdeckung des korrupten Virus, der nahezu den gesamten Regierungsapparat Italiens infiziert hatte, ist quasi auch die politische Mitte des Landes verschwunden. Versuche von anderen Parteien, diese neu zu besetzen sind bisher meist in internen Streitereien und damit im Sande verlaufen.

Dieses Vakuum wissen die Cinque Stelle und vor allem Beppe Grillo für sich zu nutzen. In den aktuellen Umfragen liegt die Bewegung seit Monaten konstant bei fast 30 Prozent und ist somit die stärkste politische Kraft. Allerdings möchte keine Partei aktuell mit den Cinque Stelle zusammenarbeiten – und auch die Fünf Sterne schließen Koalitionen aus. Doch zum Regieren reichen 30 Prozent nicht. Da dürfte das V im MoVimento wohl doch nicht für Sieg stehen.

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