Notaufnahme für Kunstwerke

Das Leiden auf ihrem Gesicht lässt dem Beobachter einen Schauer über den Rücken laufen. Aufgebahrt liegen die fünf Figuren nebeneinander auf dem grellgelben Fußboden am Ende der riesigen Halle. Das Blut läuft aus den realistisch gearbeiteten Wunden, der Dornenkranz auf dem Kopf lässt Tropfen von Blut über das Gesicht gleiten. Doch sie hatten Glück, sie haben nur leichte Schrammen davongetragen, nichts Ernstes, was nicht zu beheben wäre.

Die fünf Gekreuzigten Jesusfiguren aus der Schule Piero di Giovanni Tedescos, eines Bildhauers aus dem 14. Jahrhundert, sind fünf der 5580 Kunstwerke und Kulturgüter, die in der Halle im Industriegebiet von Spoleto lagern. Jede Woche kämen noch immer neue Werke hier an, „erst gestern wieder“, sagt Tiziana Biganti. Die Kunsthistorikerin arbeitet für das Kultur-Ministerium und ist verantwortlich für die Sicherstellung der Kunstwerke nach den verheerenden Erdbeben in Mittelitalien vom vergangenen Jahr.

Nach dem ersten schweren Erdbeben, das am 24. August 2016 den Ort Amatrice und viele in der Umgebung in Trümmern legte und 299 Menschen das Leben kostete, bebte die Erde am 26. und am 30. Oktober erneut heftig. Von diesem zweiten Beben waren vor allem die Stadt Norcia und viele weitere Kommunen in der Region Umbrien betroffen. Menschen kamen nur wenige zu Schaden – dafür ist das Ausmaß der Schäden an Kulturgütern kaum zu bemessen.

Kunstwerke aus 100 Kirchen und vier Museen der Region Umbrien lagern in der 4000 Quadratmeter großen Halle in Spoleto. Nach dem Erdbeben 1997 in Umbrien wurde sie mit Geldern der Europäischen Union errichtet, 2008 fertig gestellt. Und zwar genau zu dem Zweck, den sie nun erfüllt. Das Lager in Spoleto sei das einzige gewesen, das nach den aktuellen Beben sofort einsatzbereit war, erzählt Biganti. „Das war unser Glück.“ Es musste in der Hektik und dem allgemeinen Chaos nicht erst ein Ort gefunden werden, in dem die Kunstwerke sicher unterkommen konnten. Lange habe es von einigen Seiten geheißen, diese leer stehende Halle sei nichts als Geldverschwendung. „Aber jetzt sehen wir ja, was Prävention bringen kann.“ Welchen Wert die Werke in der Halle haben? Darauf hat Biganti keine konkrete Antwort. „Für mich sind sie alle unersetzlich“. 70 bis 80 Prozent seien bereits geborgen worden, schätzt die Expertin. Sie hofft, dass vor dem Winter noch so viele Werke wie möglich aus den Trümmern gerettet werden können.

Nach den drei schweren Beben, das letzte ereignete sich am 18. Januar dieses Jahres, wurden insgesamt 20.000 Kunstwerke sichergestellt und in vier Lager gebracht, erzählt Paolo Iannelli, der Direktor der extra eingerichteten Zweigstelle im Kulturministerium, die die Arbeit in den von den Beben betroffenen Regionen koordiniert. Teams aus Feuerwehrleuten, Funktionären des Ministeriums, der italienischen Kulturpolizei, einer Untereinheit der Carabinieri, die für den Schutz des kulturellen Erbes des Landes zuständig ist, und des Zivilschutzes bergen die Kunstwerke und bringen sie in eine der Hallen. „Wir gehen sehr sorgfältig vor“, so Iannelli, der in dieser Sache nichts von übertriebener Hektik hält. „Die Region ist vor allem bekannt für ihre Fresken – jeder Stein muss quasi geprüft werden, ob er Teil eines solchen Kunstwerkes ist oder nicht.“ Da sei es besser, mal einen Tag oder mehr zu verlieren, so der 53-Jährige. „Die Stücke, die verloren gehen, sind für immer verloren.“

Auch für den Wiederaufbau sei es wichtig, bereits jetzt besonnen zu arbeiten, so Iannelli. 200 Millionen Euro hat der Staat bereits für die Bergung und Sicherstellung der Kulturgüter bereitgestellt. Für das erste Jahr. Weitere Gelder sollen fließen. Wieviel die Rettung der Werke insgesamt kosten wird, kann Iannelli nicht genau sagen. Drei bis vier Milliarden Euro schätzt er vorsichtig.

In Spoleto werden die eintreffenden Werke zunächst von Staub und Kalk, Schimmel und Bakterien befreit, die sich durch die Zeit in den Trümmern darauf niedergelassen haben. Seit Februar ist in der Halle auch ein Restaurations-Labor eingerichtet. Zehn Restauratoren arbeiten hier, alle vier Monate lösen sie sich kleine Teams ab. Für Debora Minotti ist diese Zeit nun vorbei, sie bereitet gerade alles für die Übergabe an das neue Team vor. „1740 Werke konnten wir bisher mit ersten Maßnahmen auf eine Restaurierung vorbereiten“, erzählt die 44-Jährige. „Das ist wie bei einem Patienten in der Notaufnahme – wir haben sie quasi stabilisiert für die weitere Behandlung.“ Und genau wie bei einem Arzt, der seinem Patienten nicht mehr helfen kann, hinterließen manche Werke bei einem Restaurator Narben, so Minotti. „Weil man es einfach nicht schafft, es einfach nicht möglich ist, alle zu retten.“

So wie das Gemälde, von dem keiner so genau weiß, was es einmal darstellte. Alles was von ihm übrig ist, ist ein Pappkarton voll brauner welker Fetzen Leinwand, aus dem ein modriger Geruch steigt. Die Einzelteile ähneln eher einem Haufen alter längst auszusortierender Spüllappen als den Überresten eines wertvollen Kunstwerks. Am 5. Juli dieses Jahres wurden die Fetzen aus den Trümmern der Kirche Santa Maria degli Angeli in Norcia geborgen. Mehr als acht Monate waren sie der Witterung und dem Staub schutzlos ausgeliefert. Eine Rettung ist quasi unmöglich.

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