Die magische Nacht von Rom

Wäre James Pallotta ein amerikanischer Tourist, er wäre am Dienstagabend wohl der ewigen Stadt verwiesen worden. Während der 60-Jährige sich den Weg durch die jubelnde Menge auf der Piazza del Popolo bahnt, krempelt er genüsslich die Hemdsärmel hoch. Das Ziel des gut gekleideten Mannes: Die Fontana dei Leoni, der Brunnen, den Giuseppe Valadier 1828 in der Mitte der Piazza des Volkes hat bauen lassen. Die Temperaturen steigen und die Römer warten nur darauf, dass lästige Sommer-Touristen ihre historischen Brunnen wieder für kurze Abkühlungen schänden. Dann werden sie verächtlich die Nase rümpfen und dabei Flüche im schönsten Romanesco vor sich hingrummeln.

Doch an diesem Dienstagabend ist alles anders. Langsam lässt sich Pallotta auf dem Rand der Fontana dei Leoni nieder – und nach einer gekonnten Rolle rückwärts steht der Präsident des AS Rom im Wasser, reißt die Arme nach oben und lässt seinen Gefühlen begleitet vom frenetischen Jubel der ihn umringenden Fans freien Lauf. Kurz zuvor hatte sein Club das undenkbare Wahr gemacht, die Stadt in einen Taumel versetzt, den Römern ihren Stolz zurückgegeben: Der AS Rom hat Barcelona im Rückspiel des Champions League-Viertelfinales tatsächlich mit den erforderlichen 3:0 Toren besiegt. Nach dem 4:1 der Katalanen im Hinspiel rechnete niemand – schon gar nicht im gebeutelten Rom – mit einem solchen Fußballmärchen.

Als konnten sie die Anspannung nicht mehr ertragen, steigen um 22.22 Uhr bereits die ersten Feuerwerkskörper in den Himmel. Nur wenige Sekunden zuvor hatte Kostas Manolas in der 82. Minute das so herbeigesehnte dritte Tor für die Roma geschossen. Zwölf Minuten später und nach 240 endlos erscheinenden Sekunden Nachspielzeit, bricht mit dem Abpfiff die gelbrote Nacht an. Die Menschen strömen auf die Straßen, liegen sich in den Armen, hunderte Autos und Vespas finden sich zum Korso zusammen, kurven um die Piazza Venezia, das Herz der italienischen Hauptstadt.

Als „episch“ und „galaktisch“ beschreiben die italienischen Medien am Mittwoch, die Art, mit der die Giallorossi die Stars von Barcelona an die Wand gespielt haben. Erstmals seit 1991 steht die Roma damit wieder in einem Halbfinale der Champions League. 1984 schaffte sie es sogar ins Finale, das sie aber in einem dramatischen Elfmeterschießen gegen Liverpool verloren hat. Damals hieß die Champions League noch nicht mal Champions League – allein das zeigt die historische Dimension, die dieser Dienstagabend hat.

Am Mittwochmorgen ist der nächtliche Autokorso wieder dem üblichen römischen Verkehrschaos gewichen. Doch nach wochenlangem Ärger über den desaströsen Zustand der Straßen, das noch immer nicht gelöste Müllproblem und die zermürbende Suche nach einer neuen Regierung, hängt endlich wieder etwas Leichtigkeit in der Luft. Der Müllmann pfeift bei seiner Arbeit fröhlich das Roma-Lied vor sich hin und der Geschäftsmann mit der Aktentasche trägt zur bordeauxroten Krawatte einen senfgelben Pullover.

„Das war ein einmaliges Spiel, wir haben die stärkste Mannschaft der Welt geschlagen, es ist einfach ein Wunder“, sagt Luca Cecconi, während er mit seinem Stiefsohn und einem Freund im Mercato Testaccio zu Mittag isst. Der Sieg sei ein riesiger Schub für die Roma, glaubt der 56-Jährige.  Vor dem Spiel hätten sie nie mit so einem Triumpf gerechnet, sagt sein Freund Massimo Marini. „Aber wir sind Italiener. Ganz tief in unserem Herzen ist immer etwas Hoffnung.“ Der 50-Jährige hätte sich allerdings gewünscht, dass die Roma-Legende Francesco Totti noch hätte mitspielen können. Als der vergangenes Jahr nach fast 25 Jahren das gelb-rote Trikot an den Nagel hing, liefen nicht nur im Stadion die Tränen – die ganze Stadt schien einmal kräftig zu schlucken.

Leonardo Starace bekommt an diesem Mittwoch das Grinsen nicht mehr aus seinem Gesicht. „Das Spiel war einfach perfekt“, sagt der Wirt einer Trattoria im Viertel Testaccio, der Wiege des AS Rom. „Man wusste nach zehn Minuten: Das wird was.“ Oio, wie ihn hier jeder nennt, hat auch keine Angst vor dem anstehenden Halbfinale. „Was soll schon passieren“, sagt er. „Egal wie das läuft, wir zählen jetzt schon zu den vier besten Mannschaften in ganz Europa! Das kann uns keiner nehmen.“ Roma-Trainer Eusebio Di Francesco aber will nun alles. Der Titel soll her. „Warum sollten wir nicht daran glauben“, sagte er direkt nach dem Spiel am Dienstagabend. „Wer so weit gekommen ist, der kann es schaffen.“

Pallottas Jubel blieb übrigens nicht ohne Folgen. Der Verbraucherschutzbund Codacons zeigte den Boss des AS Rom an und forderte die Stadt auf, eine Geldstrafe in Höhe von 500 Euro zu verhänge, die normalerweise für das Baden in Roms Brunnen fällig wird. Pallotta entschuldigte sich daraufhin bei Bürgermeisterin Virginia Raggi. „Pallotta hat mich angerufen und sich entschuldigt. Er hat im Freudenrausch gehandelt, doch er hat begriffen, dass er kein gutes Beispiel gegeben hat“, sagte Raggi.

2 Kommentare

  1. Hallo Almut, du bist jetzt ja nicht nur Römerin, sondern sogar Fußballexpertin. Richtig toll! Wundere dich nicht, falls dich mal eine Heimsuchung treffen sollte.
    Mach‘ einfach weiter so!

    A presto e ciao!

    Wolfgang

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