Genuas offene Wunde

Die Wunde der Stadt klafft auch an diesem Wochenende noch weit offen. „Seit Tagen ist Genua traumatisiert“, sagt Valeria Candiani. „Wir sprechen über nichts anderes. Man kann auch an nichts anderes denken.“ Auch sie stehe noch immer unter Schock, könne nicht fassen, was erst vor wenigen Tagen passiert ist. Sie wird den 14. August 2018 immer in Erinnerung behalten. Sie ist an diesem Tag 39 Jahre alt geworden. „Zum Glück. Es hätte auch mich treffen können.“ Das Polcevera-Viadukt, die Schrägseil-Brücke aus der Feder des Bauingenieurs Riccardo Morandi, die am Dienstag um 11.50 Uhr auf rund 200 Metern Länge in die Tiefe gestürzt war und dutzende Autos mit sich gerissen hatte, war nicht nur das Wahrzeichen von Genua, sondern auch die Hauptverkehrsader. Wer in der norditalienische Hafenstadt lebt und ein Auto besitzt, ist nahezu täglich über die Morandi-Brücke gefahren.

Je mehr Menschen kommen, desto stiller wird es. Die direkt am Meer gelegene Messehalle, der Pavillion Jean Nouvel, füllt sich am Samstagmorgen von Minute zu Minute. Nachbarn und Freunde nehmen sich gegenseitig in die Arme, halten sich fest, wischen sich hilflos die Tränen aus den roten Augen. Auch Daniele Torre und seine Kollegen vom Hafen sind schon früh da und stellen sich in die erste Reihe direkt hinter der Absperrung, die die Angehörigen, die Regierungsmitglieder und die 18 Holzsärge mit den weißen Rosengestecken vom Rest der Trauergäste trennt.

„Ein Kollege von mir liegt in einem dieser Särge“, sagt der 48-jährige Hafenarbeiter mit leiser Stimme. Er sei sehr bewegt, „aber auch wütend. Brücken dürfen nicht einfach so einstürzen.“ Er gibt die Schuld am Einsturz des Polcevera-Viaduktes sowohl der Politik als auch der Betreibergesellschaft Autostrade per l’Italia, „die war schließlich für die Instandhaltung der Morandi-Brücke zuständig.“ Torre findet trotz aller Wut auch ein paar versöhnliche Worte. „Ich glaube, mit diesem Staatsbegräbnis versucht die Regierung, sich zu entschuldigen. Offiziell würde sie das nie tun, aber die versteckte Botschaft kommt irgendwie an.“ Diese Meinung teilen nicht alle. 20 von den 38 Familien der bis zur offiziellen Feier geborgenen und identifizierten Todesopfer hatten entschieden, dem Staatsbegräbnis fern zu bleiben.

In schwarz gekleidet sitzen Valeria Candiani und Davide Villa auf der Tribüne der Messehalle und halten sich an der Hand. Die beiden stammen aus dem 15 Kilometer entfernten Campomorrone. „Bei dem Einsturz der Brücke ist eine ganze Familie aus unserem Ort ums Leben gekommen“, erzählt Valeria Candiani. „Eine Mutter, ein Vater und ihr Sohn, der noch nicht einmal acht Jahre alt war. Wir sind nur wegen ihnen hier. Sonst wären wir nicht gekommen. Die Politiker veranstalten das hier doch nur, weil sie müssen, es ist ihr Job. Aber das kommt nicht von Herzen.“

Als die Hauptfiguren der aktuellen Regierung, die Vize-Permiers Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung und Lega-Chef Matteo Salvini, die Halle betreten, brandet in der andächtigen Stille, die die 5000 Besucher umgibt, Applaus auf. Im hinteren Teil, wo die Gesichter der beiden auf den großen Bildschirmen auftauchen, die das Geschehen vorne für alle übertragen, sind aber auch Buh-Rufe zu hören. Luca Boscolo und seinen Freunden steht die Empörung ins Gesicht geschrieben. Der 41-Jährige kann es noch immer nicht fassen, dass von Innneminister Salvini am Abend des Unglücks Fotos in sozialen Netzwerken auftauchten, die ihn lachend bei einem Essen in Sizilien zeigten. „Dieser Mann ist eine Schande.“ Er zieht sein Smartphone aus der Tasche und zeigt die Nachricht, die er wenige Minuten zuvor von einem Freund bekommen hat, einem Feuerwehrmann. „Nein, ich bin nicht bei der Feier“, steht da, „nach 26 Stunden Arbeit in den Trümmern muss ich mich kurz ausruhen, morgen geht es weiter.“ „Denen sollte man applaudieren“, sagt Boscolo, „nicht diesem Hanswurst.“

Die Morandi-Brücke galt bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1967 als Symbol des Wirtschaftswunders, als Symbol der Moderne. Neben der unfassbaren Tragödie, dass bis Samstagabend mindestens 43 Menschen ihr Leben verloren haben, droht ihr Zusammensturz in den kommenden Wochen auch ein wirtschaftlicher Alptraum für die Stadt Genua zu werden. Giovanni Toti, der Präsident der Region Ligurien, warnte bereits: „Das Risiko ist hoch, dass der Brückenzusammensturz viele Geschäfte lähmt und die Region isoliert.“

In der Hafenbehörde von Genua arbeitet man unter Hochdruck daran, den drohenden Kollaps zu verhindern. Paolo Signorini, der Präsident des Hafens, einem der größten Containerumschlagplätze am Mittelmeer, spricht von Nachtschichten, die er einführen will, um den Verkehr der Stadt zu entlasten. Auch soll eine alternative Straße durch das Gelände der Stahlfirma Ilva gefunden werden, das zwischen den beiden Landungsstellen des Hafens für Container liegt. „Damit könnten wir die Strada a Mare, die nach dem Brückenzusammenbruch quasi die letzte Straße ist, die den Osten und den Westen der Stadt und die Autobahnen A7 und A10 verbindet, entlasten. Darüber fährt derzeit nicht nur der normale Stadtverkehr, sondern auch etwa 800 unserer LKWs, die die Container die 21 Kilometer von einer Anlegestelle zur anderen transportieren.“ Plus etwa 1000 weitere, die die unterbrochene Bahnlinie gen Norden kompensieren müssen.

Doch Signorini gibt sich zuversichtlich, dass der Hafen nur wenig Verluste haben wird. „Die Auswirkungen werden stattdessen vor allem die Bewohner der Stadt zu spüren bekommen“, glaubt der 1963 zeitgleich mit dem Beginn des Brückenbaus geborene Genoveser. Auch die 2,8 Millionen Fährpassagiere pro Jahr, die von Genua beispielsweise nach Korsika oder Sardinien fahren wollen, würden wohl bald mit längeren Anfahrtszeiten rechnen müssen, fürchtet er.

Carolina Vaccaro hat jetzt schon zu kämpfen. Die 33-Jährige arbeitet als Altenpflegerin in Sichtweite der noch stehenden Reste der Morandi-Brücke in die Via Walter Fillak. Von ihrer Wohnung aus brauchte sie bisher 20 Minuten zur Arbeit. „Jetzt ist es mindestens eine Stunde“, sagt sie, während sie auf den Ersatzbus wartet, der sie von der Unglücksstelle zu den regulären Buslinien der Stadt bringen wird. „Und das wird noch schlimmer, wenn im September wieder alle da sind und nach den Ferien das normale Leben wieder anfängt.“

Bange erwarten die Genueser die Tage nach den Sommerferien, wenn die meisten von ihnen wieder täglich ins Büro, in die Uni oder in die Schule müssen. Der Mann von Grace Delgado ist Werftarbeiter, auch er muss bald wieder zur Arbeit. Wie er das logistisch meistern soll, weiß er noch nicht. Das Ehepaar ist mit seinen vier Kindern am Freitag aus dem Urlaub zurückgekommen. Nach Hause, in die Via Enrico Porro Nr. 6, konnten sie nicht. Die 38-Jährige Grace steht stattdessen an der Absperrung nur wenige Meter vor dem Hauseingang neben einem Einkaufswagen, in dem zwei kleine Koffer und eine große bis zum Rand vollgestopfte Lidltüte liegen. In Begleitung der Feuerwehr durften die Delgados am Samstag kurz in ihre Wohnung. „Wir haben vor allem Kleidung und Waschmittel geholt, und ein paar Bücher für die Kinder.“ Seit eineinhalb Jahren wohnt die Familie aus Ecuador in diesem Haus, das nun verlassen in der Zona Rossa, in der Sperrzone unter der zusammengestürzten Brücke steht. Die Stadt hat sie in drei Zimmern eines Hotels untergebracht.

„Die Kinder fragen ständig: Wann können wir wieder nach Hause?“ Die Antwort darauf weiß die Mutter schon: Die elf betroffenen Häuser unter der Brücke werden wohl alle abgerissen. Wann sie und ihre Familie aber in eine von der Kommune bereitgestellte Wohnung können, weiß sie nicht. Die Stadt sicherte am Samstag zu, bis November würden alle 558 Evakuierten eine sichere Wohnung zugewiesen bekommen haben. Bis dahin fahren die Delgados jeden Tag die rund 40 Minuten mit dem Bus von ihrer Notunterkunft im Hotel bis in das Bürgerzentrum Buranello, wo sie kostenlose Mahlzeiten bekommen. „Kochen können wir im Hotel ja nicht.“

Auch die Familie von Tommaso Bellone ist in einem Hotel untergebracht und kommt zum Essen ins Buranello-Zentrum unweit der Unglücksstelle. Der Hafenarbeiter hatte erst vor kurzem die Wohnung unter der Morandi-Brück gekauft. Für 130.000 Euro. Zehn Tage vor dem Unglück sind er, seine Frau Milena und die zwei jüngeren der drei Kinder dort eingezogen. Tommaso Bellone hofft nicht nur auf eine schnelle Zuweisung einer Unterkunft, sondern auch auf eine Entschädigung. Autostrade, die Betreiberfirma der Autobahn und der Brücke, versprach am Wochenende 500 Millionen Euro für die Betroffenen. Und sie sicherte zu, die Morandi-Brücke innerhalb von acht Monaten wieder aufzubauen.

Mario lenkt seinen Wagen über die Strada a Mare Richtung Bahnhof. Der Taxifahrer, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen will, nickt in Richtung der roten Bremslichter vor ihm. „So viel Verkehr ist sonst nie im August.“ Dann schluckt der stämmige Mann, und sucht mit müden Augen im Rückspiegel die seines Fahrgastes, bevor er seine Geschichte zum Brückeneinsturz erzählt. Sein Sohn Danilo ist Feuerwehrmann, seit Tagen zählt der 34-Jährige zu den hunderten Rettungskräften, die in den Trümmern der Morandi-Brücke fieberhaft nach den noch Vermissten gesucht haben. Dass die Trauergäste neben den Politikern am Samstag vor allem den Feuerwehrleuten laut und bestimmt Applaus schenkten, davon habe Danilo nichts mitbekommen. Er war nicht bei dem Staatsbegräbnis in der Messehalle, erzählt sein Vater. „Nein, währenddessen war er noch immer da unten, hat sein Leben riskiert. Und hat mit seinen Kollegen den letzten Vermissten geborgen. Tot.“

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