Die Schönheit des Kapitalismus

Von Aristoteles über Rousseau und Voltaire bis hin zu Immanuel Kant. Wenn Brunello Cucinelli spricht, vergehen keine fünf Minuten, ohne dass er einen der großen Philosophen der Welt zitiert. Er fühle sich seelisch mit den großen Männern der Geschichte verbunden, sagt der selbstbewusste Kaschmir-König, der in Italien nicht nur als erfolgreicher Unternehmer, sondern vor allem als Philosoph und Menschenfreund gilt. Tue Gutes – und rede vor allem darüber, das scheint seine Maxime. Dabei kommt sein soziales Engagement nicht nur seiner Heimat und den Mitarbeitern seiner Firma, sondern auch seiner Marketing-Strategie zu Gute.

Die scheint aufzugehen. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz des Luxus-Modelabels Brunello Cucinelli um neun Prozent auf rund 500 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2018 sind der Umsatz des Unternehmens erneut um fast zwölf Prozent auf 270 Millionen und der Nettogewinn um 20 Prozent auf über 23 Millionen Euro gestiegen. Dabei blättert der Kunde für einen Pullover aus dem Hause eine vierstellige Summe hin. Das simple graue T-Shirt, das Facebook-Chef Marc Zuckerberg in zigfacher Ausführung besitzt und das zu dessen Markenzeichen geworden ist, ist für rund 300 Euro zu haben.

65 Jahre ist Brunello Cucinelli alt, seit 40 Jahren besteht seine Mode-Firma und nach mehr als 30 Jahren ist die Restaurierung Solomeos, eines kleinen Ortes in der italienischen Region Umbrien, abgeschlossen. „Es hat seine Zeit gebraucht, meinen Traum zu realisieren. Aber die Grundidee hatte ich von Anfang an“, so Cucinelli bei der Vorstellung des fertig sanierten Tals in dieser Woche.

„Projekt Schönheit“ nennt der Unternehmer das, was seit 1985 im Solomeo-Tal entstanden ist. Sechs leer stehende Fabriken und Lagerhallen unterhalb des Örtchens Solomeo hat Cucinelli aufgekauft und 320.000 Quadratmeter alter Industriebauten abreißen lassen. Rund 100 Hektar grüner Park erstrecken sich nun an ihrer Stelle durch das Tal, durchzogen von Weinreben, Sonnenblumenfeldern und Zypressen. In dem Bergdorf aus dem 13. Jahrhundert hat er die Kirche San Bartolomeo restaurieren lassen, ein Amphitheater für 200 Besucher errichtet und eine Schneiderschule eröffnet.

Im Tal hat Cucinelli auch eine Kelterei errichtet – und ein Denkmal: „Tribut an die Würde des Menschen“, ist auf dem Halbrund aus Travertinstein zu lesen, dass sich fünf Meter hoch und 24 Meter lang am Ende des Tals vor einem Waldstück erhebt. Aber eigentlich ist es ein Tribut an Cucinelli selbst. Wieviel ihn die Restaurierung des Tals gekostet hat, will Cucinelli nicht sagen. Was zähle sei die entstandene Schönheit, nicht die Kosten, so das Argument. Alles, was man weiß: Bezahlt wurde das Ganze wohl von der familieneigenen Stiftung.

Auch die Hallen der eigenen Firma liegen in dem Tal. Beige, edel, ordentlich – wie die Kleidung, die hier produziert wird. Nichts Lautes, nichts Übertriebenes. Auch wenn er gerne im Mittelpunkt steht, die Menschen in seinen Bann zieht, wie das Licht die Motten, ist auch Cucinelli ein eher leiser Mensch. Erzählt er von sich selbst, von seinem Projekt und seinem Unternehmen, spricht er mit ruhiger, leicht tonloser Stimme. Viel Luft mischt sich in seine stolzen Worte.

Der 65-Jährige stammt aus einem Nachbarort. In Solomeo, dem Heimatort seiner Jugendfreundin und heutigen Ehefrau Federica, hat der Sohn einer Bauernfamilie sein Universum geschaffen. Wirtschaftlich, sozial und kulturell prägt dieser Mann den Ort. Die Modebranche grübelt seit Jahren darüber, wie sie faire Produktion und Nachhaltigkeit mit dem gewünschten Umsatz verbinden kann. Cucinelli hat von Anfang an den Fokus auf genau diese Merkmale gelenkt. Dafür haben aber seine Kleidungsstücke auch ihren Preis. 1000 Euro für einen Pullover muss man mindestens investieren.

Kosten, die sich nicht nur aus der Qualität der Ware ergeben, sondern auch aus den Arbeitsbedingungen und der Zufriedenheit der Mitarbeiter, so Cucinelli. „Humaner Kapitalismus“, so nennt er selbst das, was er geschaffen hat. „Umbrien ist für Strickwaren bekannt. Ich wollte ein Material, das quasi unsterblich ist. Kaschmir hält Jahrzehnte, wenn man es richtig pflegt“, erklärt der Mode-Unternehmer die Anfänge seiner 1978 gegründeten Firma.

Bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte Cucinelli auf dem Land, in einem Haus ohne Strom. Danach zog die Familie in die wenige Kilometer entfernte Stadt Perugia, wo der Vater aus Geldnot einen Job in einer Zementfabrik annahm. Der Anblick des Vaters, der öfters mit Tränen in den Augen von der Arbeit nach Hause kam, weil er dort so mies behandelt wurde, habe in ihm den Traum wachsen lassen, eine Fabrik zu gründen, in der die Menschen mit Würde behandelt werden. Sicher, er wolle Profit machen. „Aber Profit muss sich mit Ethik verbinden.“

Die Firma beschäftigt heute weltweit 1700 Mitarbeiter. Schneider bekommen bei Cucinelli 20 Prozent mehr, als es in der Branche üblich ist, heißt es. Gearbeitet wird von acht Uhr morgens bis 17.30 Uhr. „Mit einer eineinhalbstündigen Mittagspause in unserer schönen Kantine“, wie Cucinelli betont. Ans Handy darf nach 17.30 Uhr niemand mehr gehen, Mails schreiben schon gar nicht. Das gilt auch für den Chef, über den alle nur von „Brunello“ sprechen. Einen Betriebsrat gibt es bei Cucinelli nicht, Gewerkschaften sind nicht vertreten. Weil die Mitarbeiter dies nicht für nötig halten, so die offizielle Stellungnahme. Es habe eine Umfrage gegeben, man hätte sich eintragen können, aber von den 1000 Mitarbeitern in Solomeo habe das niemand getan, erzählt ein Angestellter aus der Administration. Cucinelli selbst sagt: „Wenn ein Mitarbeiter einen anderen beleidigt, ist das ein Grund zur Kündigung.“ Würde sei schließlich das wichtigste – noch wichtiger als das Brot zum Essen.

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