Die zweieinhalb U-Bahn-Linien von Rom

Das antike Rom und sein 2000 Jahre altes Erbe lässt die heutigen Stadtplaner und Bauunternehmen regelmäßig verzweifeln: Wer in der ewigen Stadt zu graben beginnt, stößt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf archäologisch wertvolle Funde – und damit auf einen sofortigen Baustopp. Ein Grund, warum Rom nur über zweieinhalb U-Bahn-Linien verfügt. Ob daraus je drei werden, das glaubt langsam niemand mehr. Der Bau der neuen Metrolinie C stoppt. Mal wieder. Doch dieses Mal scheinen die Pläne – mitsamt zweier Tunnelbohrmaschinen – endgültig begraben zu werden.  

Die Metro C sollte einmal den Osten der Stadt mit dem Viertel um den Vatikan im Nordwesten verbinden. Baubeginn: 2007. Jahr der Fertigstellung: 2018. So die Planung. Nun, zum Ende des Jahres 2019, werden die Pläne wohl am Kolosseum, dem Herzen der italienischen Hauptstadt, zu Grabe getragen. Die beiden Tunnelbohrmaschinen, die sich eigentlich in den kommenden Monaten bis zur Piazza Venezia durchfräsen sollten, werden bald unter einer Zementdecke verschwinden. 

Das Problem: Das Geld fehlt. Die öffentliche Gesellschaft, die den Bau überwacht, steht nach Angaben von Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Fünf-Sterne-Bewegung vor der Abwicklung. Die Linie C sei nicht gefährdet, heißt es trotzdem aus dem Rathaus. Doch damit ist wohl nur der bisher fast fertig gestellte Abschnitt, der aus dem Osten der Stadt bis zum Kolosseum führt, gemeint. Hier soll die neue Metro-Station, die die neue Metro-Linie C an die bereits bestehende Linie B anschließen wird, 2023 eröffnet werden. List man die öffentlichen Bekundungen der Bürgermeisterin genau, ist darin auch nur vom bereits „projektieren“ Streckenabschnitt die Rede. Wie und ob es dann vom Kolosseum je weiter in Richtung Piazza Venezia und Vatikan geht, wird nicht weiter kommentiert. 

Die Stadt betont nur, dass dies nicht zwingend das Ende des Projektes Metro C sein muss. Man könne ja irgendwann einmal von der anderen Seite aus, also von der Piazza Clodio, der ursprünglich geplanten Endstation im Nordwesten der Stadt, zu graben beginnen. Bis dahin bleibt es wohl bei den zweieinhalb U-Bahn-Linien, mit denen sich die rund drei Millionen Einwohner Roms begnügen müssen. Dazu kommen rund zwei Millionen Pendler aus den umliegenden Orten und jährlich rund 6,5 Millionen Touristen, die alle befördert werden wollen. 

Was regelmäßig zu chaotischen Zuständen führt, denn auch das Bus-System der Stadt steht oftmals kurz vor dem Kollaps. Denn in der ewigen Stadt sind nicht nur antike Bauten zu bewundern, Roms Busse sind die ältesten in ganz Europa. Sie drohen auf den holprigen Straßen bei jeder Fahrt auseinanderzufallen – oder gar spontan in Flammen aufzugehen. Mehr als 50 Busse ereilte dieses Schicksal allein in den vergangenen drei Jahren.

Und auch die beiden schon existenten Metro-Linien, die A und die B, machen sowohl den Römern als auch den Touristen seit vielen Monaten das Leben schwer. Wegen der Reparatur und Instandhaltung der Rolltreppenanlagen waren Stationen „Spagna“, „Barberini“ und „Repubblica“ über Monate geschlossen. Sie sind für Rom-Besucher von zentraler Bedeutung, denn sie liegen am Trevi-Brunnen und an der Spanischen Treppe. Den verzweifelten Touristen, die mit ihren Koffern vor dem Bahnhof Termini standen und nicht wussten, wie sie nun zu ihren Hotels kommen sollten, konnte man nur den Rat geben: Laufen. Per pedes ist man in Rom ohnehin meistens am schnellsten unterwegs.

Doch die Schließungen haben einen ernsten Hintergrund. Auslöser für diese Vorsichtsmaßnahmen war ein schrecklicher Vorfall am 23. Oktober des vergangenen Jahres. An diesem Tag war eine der Rolltreppen an der Station „Repubblica“ ungebremst in die Tiefe gerauscht – mit ihr eine Gruppe von Fans des russischen Fußballvereins ZSKA Moskau, die auf dem Weg zur Champions-League-Partie gegen den AS Rom waren. 24 von ihnen wurden zum Teil schwer verletzt, einem Fan musste sogar der Fuß amputiert werden. Die Station „Spagna“ ist seit dem Frühjahr wieder in Betrieb, „Barberini“ am Trevibrunnen wird aber wohl bis auf weiteres gesperrt bleiben. Nur an den Rolltreppen kann das nicht liegen, mutmaßen die skeptischen Römer schon, doch ob es noch weitere Sicherheitsprobleme mit der Station gibt, dazu hat sich die Stadt bislang nicht geäußert.

Und den Römern bleibt nichts übrig, als zu fluchen und zu schimpfen und sich mit dem Gegebenen irgendwie zu arrangieren. „Ich glaube nicht, dass die Metro C jemals fertig wird“, sagt Claudia Ceci. Die ursprünglich geplante Strecke würde der 37-Jährigen sowohl Zeit als auch Nerven ersparen. Sechs Kilometer Luftlinie trennen ihre Wohnungstüre in Pigneto und ihren Arbeitsplatz in Prati. Für diesen Weg braucht die PR-Frau jeden Morgen rund eine Stunde, vorausgesetzt die Züge fahren im vorgesehenen Neun-Minuten-Rhythmus. Führe die Metro C wie geplant bereits seit 2018 bis zur Piazza Clodio, verkürzte sich der Arbeitsweg Cecis auf 20 Minuten.

Wie Ceci und die vielen anderen Pendler, ergeben sich nun also auch die zwei Tunnelbohrmaschinen etwa 600 Meter vor ihrem Zwischenziel an der Piazza Venezia ihrem Schicksal. Die zentrale Piazza hätten die neun Meter hohen, 150 Meter langen und 300 Tonnen schweren Fräser wohl Ende des Jahres locker erreicht. Doch die Bürokratie bremst sie aus, denn bis dahin werden die Mittel für die Fortführung des Großprojektes niemals genehmigt und bereitgestellt. Da es schwierig und noch dazu teuer ist, die Maschinen aus dem Untergrund herauszubekommen, werden sie also begraben, wie Enrico Stefano, der Chef der Transportkommission der Stadt, in dieser Woche bestätigte. 

Nicht nur Misswirtschaft und Korruption, auch historische Funde verzögerten die Arbeiten an der Metro-Linie C seit Jahren. So wurde die Station „San Giovanni“, der derzeitige Endpunkt der neuen Metro-Linie, als erste so genannte Museumsstation Roms eingerichtet. Während sie auf Rolltreppen in die Tiefen der ewigen Stadt vordringen, können die Fahrgäste in Glasvitrinen antike Fundstücke bewundern, die während des Baus der Metro gefunden wurden, unter anderem Schmuck, diverse Münzen und Scherben oder sogar ein Wasserreservoir aus der Kaiserzeit.

Allein im Jahr 2017 förderten die Bauarbeiten Unfassbares zu Tage: In rund 17 Metern Tiefe kam ein Aquädukt aus dem dritten Jahrhundert vor Christus zum Vorschein, wenige Monate später wurde so etwas wie ein „Mini-Pompeji“ entdeckt, die Überreste einer Wohnung aus dem zweiten bis dritten Jahrhundert nach Christus, die wohl bei einem Brand zerstört wurde. Zudem wurden ein Mosaik und Möbelteile freigelegt. Künftige Forschergenerationen werden sich wohl irgendwann die Köpfe darüber zerbrechen, was diese zwei zurückgelassenen Bohr-Kolosse unter dem antiken Forum Romanum zu bedeuten haben.

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