Sardinen gegen Salvini

Es sind keine Redner angekündigt, keine VIPs, keine Stars, ein Programm gibt es auch nicht. Trotzdem strömen die Menschen an diesem Samstagnachmittag auf die Piazza San Giovanni in Rom. „Das ist ein historischer Moment für Italien“, sagt Tania De Nile. Die 36-Jährige ist extra aus Mailand angereist, um an dieser Versammlung teilzunehmen. Um ihren Hals hängt ein Schild mit der Aufschrift „Sono una sarda, non sono una tonna“. Wörtlich übersetzt heißt das so viel wie: Ich bin eine Sardine und keine Thunfischin. Doch dahinter steckt mehr: In Italien muss der Thunfisch metaphorisch für die Dummheit herhalten. Und die Sardine gilt spätestens seit vier Wochen als Sinnbild für eine kritisch-intelligente Haltung. Wie bei dem Schild, das die Kunsthistorikerin stolz vor sich herträgt, lohnt es sich auch bei der Bewegung, die sie damit unterstützt, zweimal hinzuschauen. Denn die Sardinen lassen sich in keine bisher existente Schublade pressen.

Die Protestbewegung ist vor vier Wochen spontan in Bologna entstanden. Ex-Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini war in der Stadt, die politische eine lange linke Tradition aufweist, um dort den Wahlkampf für die Regionalwahlen am 26. Januar in der Emilia-Romagna einzuläuten. Da kam der Aufruf zum Flashmob: „Wir werden mehr Leute zusammenbekommen als Salvini, werden uns „wie die Sardinen“ auf die Piazza Maggiore quetschen müssen.“ Genau so kam es – und die „Sardinen“ waren geboren. Seitdem gab es insgesamt mehr als 100 Versammlungen im ganzen Land: 25.000 Menschen kamen in Mailand zusammen, 40.000 in Florenz. Und an diesem Samstag nun der Höhepunkt: rund 100.000 in Rom. So die Schätzung des Veranstalters, die weitaus realistischer scheint als die der Stadt Rom, die die Teilnehmerzahl mit nur 35.000 angibt.

Die Sardinen überschwemmen gerade Italien. Dabei haben sie keine Antworten im Gepäck, kein politisches Programm, keine Lösungen. Mit dem Alleinstellungsmerkmal: Sie richten sich im Grunde gegen die Opposition im Land, nicht gegen die Regierung. Wie schon bei vergangenen Veranstaltung wird auch in Rom alles so schlicht wie möglich gehalten, sagte Mattia Santori, einer der Initiatoren aus Bologna, im Vorfeld. Santori fungiert als Sprecher, koordiniert die Pressearbeit, gibt Interviews und setzt sich in Talkshows. Doch als Gesicht der Bewegung will er auf keinen Fall gelten. „Die Hauptperson, der Protagonist dieser Bewegung, ist und bleibt die Piazza.“

Was er damit meint, wird klar, wenn man selbst auf dieser Piazza steht. Nur eine kleine mobile Bühne ist am äußersten Rand der riesigen Piazza San Giovanni aufgebaut. Von den paar Rednern bekommen nur wenige der Anwesenden etwas mit. Weiter hinten stehen einfach nur die Massen. Sie sind hergekommen, um Präsenz zu zeigen. Präsenz gegen Hass, gegen Rassismus, gegen die Verrohung der Sprache und der Gesellschaft. Gegen Populismus, gegen die Vereinfachung.

„Wir sind hier, um zu demonstrieren, dass wir nicht alles hinnehmen“, sagt Marialaura Ferrocci. Die 63-Jährige steht mit ihrem Mann mitten auf dem Platz in der Menge und hält ein Pappschild hoch, auf das sie zwei Sardinen gemalt hat. Das einzige Symbol, das bei den Versammlungen erwünscht ist. Flaggen von Parteien oder Gewerkschaften will man hier nicht sehen, nur die Tricolore, die italienische Flagge, wird mancherorts stolz hochgehalten. Ferrocci und ihr Mann Sesto Francia sind mit ihren beiden erwachsenen Söhnen auf die Piazza in Rom gekommen. Den Erfolg der Sardinen erklärt sich der 66-jährige Francia so: „Man war irgendwie wie in einer Schockstarre die letzten Jahre, hat darauf gewartet, dass jemand einen auffordert, etwas zu tun.“ Andrea Garreffa von den Ur-Sardinen in Bologna erklärt es so: „Wir haben es geschafft, die Piazzas wieder zu füllen. Nicht nur die Plätze waren leer, auch die Vorstellung fehlte, dass sie je wieder gefüllt würden – außer von Matteo Salvini. Es herrschte der festgefahrene Gedanke, dass nichts und niemand gegen ihn und seine Popularität ankommt. Allein das ist ein riesen Erfolg, dass wir diese Blockade aufgehoben haben.“

Die Kritiker werfen der jungen Bewegung vor, keinen Plan zu haben. Protestieren sei ja schön und gut, aber ohne konkrete Lösungsvorschläge doch hinfällig, politisch nicht zu gebrauchen. Für Sesto Francia sind das die falschen Argumente. Er sieht die Sardinen weniger eine politische als eine intellektuelle, soziale Bewegung, der es schlicht auf die Rückbesinnung demokratischer Werte und Pflichten geht. Eine Partei, so hofft er, wird daraus nicht entstehen, „damit wäre der Charme, das Besondere weg, das, was die Leute zum Nachdenken anregt“. Einen politischen Einfluss wünscht er sich dennoch: „Vielleicht wacht durch uns die Linke in Italien ja endlich einmal auf“, so Francia.

So oder so ähnlich wünschen es sich auf die Initiatoren des ersten Flashmops aus Bologna. Mit der Demonstration an diesem Samstag in Rom, sei nun die „erste Phase“ zu Ende gegangen, wie sie es ausdrücken. „Jetzt beginnt Phase zwei, die Diskussion darüber, welche Strukturen geschaffen werden sollen, wie man weiterarbeiten will“, erklärt Mattia Santori. Am Sonntag sind in Rom rund 150 Sardinen aus dem ganzen Land zusammengekommen, um genau darüber nachzudenken. Menschen, die in den vergangenen Wochen selbst eine Piazza organisiert haben und dafür in Kontakt mit den Ur-Sardinen standen.

Der Blick geht nun vor allem in die Emilia-Romagna, wo am 26. Januar Regionalwahlen anstehen. Sie gelten als Lackmustest für die aktuelle Regierung aus der Fünf-Sterne-Bewegung und den Sozialdemokraten des PD, zumindest wenn man ihrem Gegner, Lega-Chef Matteo Salvini Gehör schenkt. Die Region wird seit Jahrzehnten von der Linken regiert. Fällt nun auch diese – wie Umbrien im Herbst dieses Jahres – in die Hand der Lega, wäre dies ein weiterer wichtiger Sieg für Salvini.

„Es ist schwer, für eine so junge Bewegung, zu verstehen und zu definieren, was oder wer sie ist oder sein will“, sagt Mattia Santori. Er drängt dazu, nichts zu überstürzen. Eile wäre genau das Falsche in diesem Moment, glaubt der 32-Jährige. „Das, was aus den Sardinen wachsen kann, muss sich erst noch konkretisieren. Das wird sehr spannend.“ Dass es auch ohne Strukturen und Programm geht, zeigt der Samstag in Rom: Wo kein offizieller Anfang, da auch kein offizielles Ende. Nach etwa eineinhalb Stunden beginnt sich die Masse der Teilnehmer langsam wieder auf die ewige Stadt zu verteilen.

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