Der Triumph des Spelacchio III.

Die Vorweihnachtszeit in Rom ist von drei Dingen geprägt: Den Krippen, die überall aufgestellt werden, den Panettone, die sich einem in jedem Supermarkt bergeweise in den Weg stellen, und der Debatte um den Weihnachtsbaum, den die Stadt Anfang Dezember für ihre Bürger auf der zentralen Piazza Venezia aufstellen lässt. In den vergangenen Jahren war er ein willkommener Anlass für die Römer, sich über ihre Stadtregierung aufzuregen und sich in ihrem Schicksal zu suhlen: In Rom funktioniert nichts, nicht einmal einen ordentlichen Baum gibt es zu Weihnachten. Und es kam noch schlimmer: Ausgerechnet Mailand, die Finanzmetropole im Norden, die die politische Kapitale Italiens auch in vielen anderen Dingen immer wieder in den Schatten stellt, hatte bislang immer den schöneren.

Doch 2019 haben die Römer ihren Stolz wiedergefunden. Rund 10.000 Menschen waren dabei, als Bürgermeisterin Virginia Raggi vor wenigen Tagen feierlich die Lichter des diesjährigen Baumes anknipste. Spelacchio der Dritte hält seitdem Hof, lässt sich fotografieren, steht geduldig für Selfies bereit. Seinen Namen, den die Römer vor zwei Jahren dem traurigen Gerippe, das da vor ihrem Nationaldenkmal stand, gegeben haben, hat der Baum behalten. Spelacchio bedeutet so viel wie „der Gerupfte“, „der Kahle“. Doch in diesem Jahr spannt Spelacchio, der sogar einen eigenen Twitteraccount hat, stolz seine Zweige. Die 80.000 Lichter und tausenden Kugeln in rot und gelb verbreiten statt Frust und Scham in Rom endlich einmal echte Weihnachtsstimmung. Wohl auch, weil der Online Streamingdienst Netflix die mehr als 300.000 Euro für den Baum bezahlt hat – und somit niemand fürchten muss, dass das Geld den so dringend benötigten Mitteln für den maroden Öffentlichen Nahverkehr oder die zögerliche Müllentsorgung abgezwackt wurde.

Für Häme und Spott sorgt in diesem Jahr ein anderer: ausgerechnet Spelacchios Bruder aus Mailand. Wobei wohl eher von Stiefbruder die Rede sein muss, denn statt eines Baumes steht auf dem Domplatz der Finanzmetropole eine 37 Meter hohe Eisen-Konstruktion. Um den riesigen Kegel ranken sich bis zur Spitze Tausende LED-Lichter. Als technisch-minimalistisch beschreiben ihn die Fans, als traurigen Eisenkäfig die Kritiker. Mailands Bürgermeister Guiseppe Sala nannte den „Baum“ bei der Inbetriebnahme mit einem Augenzwinkern nach Rom „Luminacchio“, den Leuchtenden, ein Sinnbild für „die Stadt der Zukunft, die wir in Mailand gerade schaffen.“ In Rom wird die Installation verächtlich nur „Ferracchio“ genannt, der Eiserne. Typisch Mailand eben: Sauber, modern, funktional – aber eben ohne Herz, ohne Tradition.

Die Debatte um Mailand und Rom, darum, welche denn nun die bessere Stadt ist, ist ein alter Hut. In diesem Jahr ist der Konflikt allerdings präsenter denn je, schließlich hat die italienische Zeitung „Il sole 24 Ore“ Mailand Anfang des Jahres zur der italienischen Stadt mit der höchsten Lebensqualität gewählt. Südlich des Pos heißt es dagegen gerne, Mailand sei nicht das echte Italien, nicht das sympathische Chaos, das Dolce Vita, wofür das Land so beliebt ist. „Solo la nebbia, avete solo la nebbia“, hallt es regelmäßig durch die Fußballstadien im Süden des Landes, wenn eine der beiden Mannschaften aus Mailand zu Gast ist: „Ihr habt doch nichts außer Nebel.“

Der Neid dürfte hier die Triebfeder sein. Nur ein Beispiel: In Mailand gibt es an den Bushaltestellen Fahrpläne und sogar Sitzbänke – die aber kaum genutzt werden, der Bus kommt hier pünktlich. In Rom ging erst am Wochenende wieder ein Bus in Flammen auf. Es war der dritte innerhalb von drei Tagen. Alltag in der italienischen Hauptstadt, in der die ältesten Busse ganz Europas fahren. So gibt das Eisen-Gerippe vor dem Mailänder Dom den Römern endlich die Möglichkeit, einmal mit Schadenfreude statt mit Neid auf die Finanzmetropole zu schauen. Die Hauptstadt hat es schließlich nicht leicht. Selbst der Panettone, das typisch italienische Weihnachtsgebäck, stammt ursprünglich aus Mailand.

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