Nichts ist mehr geheim

Ein Papst auf der Anklagebank: „Ein Stellvertreter Christi, der das vor Augen hat und dennoch schweigt, aus Staatsräson, der sich nur einen Tag besinnt, nur eine Stunde zögert, die Stimme seines Schmerzes zu erheben zu einem Fluch, der noch den letzten Menschen dieser Erde erschauern lässt: ein solcher Papst ist … ein Verbrecher.“ So sagt es der junge Pater Riccardo Fontana in Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“. Dem Drama, das 1963 zum ersten Mal Fragen nach der Haltung Pius‘ XII. gegenüber der Tötung von sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg aufwarf. Fragen, die teilweise bis heute unbeantwortet sind. Fragen, auf die es in den kilometerlangen Regalreihen des Vatikanischen Archivs Antworten geben könnte. Das Wort „geheim“ wurde zwar von Papst Franziskus erst vor kurzem offiziell aus dessen Namen gestrichen. Das „Vatikanische Geheimarchiv“ heißt nun korrekt „Vatikanisches Apostolisches Archiv“ – was die Sache aber nicht weniger geheimnisvoll macht.

Pius XII. war von 1939 bis 1958 das Oberhaupt der katholischen Kirche. Ihn stellt Schriftsteller Hochhuth als absoluten Zyniker dar, die Haltung von seinem Pius gegenüber dem unfassbaren Unheil, dass sich vor seinen Augen abspielt, grenzt an Desinteresse. So die Fiktion. Was sich in Wirklichkeit hinter den vatikanischen Mauern und im Inneren des Papstes zu dieser Zeit abgespielt hat, ist die Frage, mit der Historiker aus aller Welt an diesem Montag in Rom ihre langwierige Arbeit aufnehmen werden. An diesem Tag werden die Archivbestände zur Regierungszeit Pius‘ XII. zum ersten Mal für die Forschung – und damit für die Öffentlichkeit – zugänglich gemacht werden. Ein „historisches Ereignis“ nennt das Matteo Bruni, der Pressesprecher des Vatikans.

„Die Darstellung von Hochhuth ist natürlich ein Zerrbild“, sagt der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Er und sein sechsköpfiges Team zählen zu den rund 100 Wissenschaftlern aus aller Welt, die von diesem Montag an die Aktenbestände durchforsten werden. Wolf kennt sich in dem Labyrinth aus Regalen und Akten wohl aus wie kein Zweiter. Seit mehr als 30 Jahren forscht er in den Vatikanischen Archiven. Im Vatikan werden Unterlagen nicht wie in anderen Staaten nach einer bestimmten Verjährungsfrist freigegeben, sondern geballt nach Pontifikaten. Wolf hat bereits drei solcher Archiv-Öffnungen miterlebt. „Die zu Pius XII. ist durchaus die spektakulärste, nicht nur vom Umfang her, sondern vor allem, weil das öffentliche Interesse daran so groß ist.“

Genau 81 Jahre nach der Wahl Eugenio Pacellis zum Papst werden die Unterlagen seiner fast 20 Jahre dauernden Regierungszeit in insgesamt acht unterschiedlichen Archiven freigegeben. Mindestens 200.000 archivarische Einheiten – Schachteln, Boxen und Mappen – mit insgesamt rund zwei Millionen Blatt Umfang zu Pius XII. finden sich allein im Vatikanischen Apostolischen Archiv. Dort lagern Berichte der Nuntiaturen aus der ganzen Welt, darunter auch jene aus Berlin.

Das Pontifikat des Italieners Pacelli ist das zweitlängste des letzten Jahrhunderts. Noch dazu umfassen die fast 20 Jahre eine Zeit, in der weltgeschichtlich so einiges los war. Neben den dramatischen Ereignissen und den großen Menschheitsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges fielen in die Amtszeit Pius‘ XII. auch die Gründung des Staates Israel, die der Bundesrepublik Deutschland und der Beginn des Kalten Krieges zwischen Ost und West. So könnten sich auch im Verhältnis Pacellis zum Bolschewismus und zur Sowjetunion neue Erkenntnisse auftun.

Die brennendste aller Fragen, vor allem für die Öffentlichkeit, ist: Was wusste Pius XII. über die Vernichtung der Juden in Europa? Warum hat er nicht lautstark protestiert? 1942 schreibt er in einem Brief an die deutschen Bischöfe: „Wo der Papst laut schreien müsste ist ihm Schweigen auferlegt“. Was ist in dieser Zeit hinter den Mauern des Vatikans passiert? Welche Informationen bekommt der Papst und von wem kommen diese? Wie wird intern über die Verbrechen der Nationalsozialisten diskutiert – wird überhaupt darüber diskutiert? „Wir haben dazu schon einiges in der Forschung zusammengetragen“, so Hubert Wolf. „Zum Beispiel wissen wir, dass Kardinal Innitzer aus Wien oder der Nuntius in der Slowakei über Deportationen von zehntausenden Juden in Konzentrationslager berichteten – aber wir haben noch keine Antwort auf diese Berichte aus dem Vatikan vorliegen. Entweder gibt es keine, oder wir hatten bisher noch keinen Zugang dazu.“

Das zweite wichtige Thema, über das sich Wolf und sein Forscherteam Erkenntnisse erhoffen, ist die so genannte Rattenlinie, die Fluchtroute von Nationalsozialisten nach Südamerika am Ende des Zweiten Weltkrieges. Hierzu nimmt Wolf auch einen Auftrag aus dem Land Baden-Württemberg mit. „Die Sonderstaatsanwaltschaft in Ludwigsburg zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen hat sich an mich gewandt und darum gebeten, während der Durchsicht der Akten auch zu prüfen, ob es in diesen Beständen Hinweise zu möglichen Kriegsverbrechern gibt.“ Nach der Sichtung der Unterlagen, wenn quasi die zweite, konkrete Phase der Forschung beginnt, werden Wolf und sein Team auch eng mit der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg zusammenarbeiten.

Bis zu ersten validen Erkenntnissen wird es aber – darin sind sich alle Experten einig – wohl mindestens ein bis zwei Jahre dauern. „Das, was wir jetzt erst einmal machen, sind Probebohrungen“, so Wolf. Die Forschung werde sich über Jahre ziehen, betont auch Kardinal José Tolentino Calaca de Mendonca, Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche. „Wir müssen Geduld haben“, sagte er kurz vor der Archivöffnung vor Journalisten in Rom. Um ernsthafte und fundierte Debatten zu führen, bedürfe es einer langen und komplexen Arbeit. Aber, das betont der portugiesische Kardinal selbstbewusst: „Die Kirche hat keine Angst vor der Geschichte.“

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